TEXT von UCHIDA Yukiko
Neulich, als ich am Bahngleis auf einen Zug wartete, ist mir etwas Unangenehmes passiert: Ein Mann, etwa Mitte fünfzig, der neben mir in der Warteschlange stand, hob meinen unabsichtlich fallen gelassenen Kassenbon auf und fing an laut zu lesen, was ich in einer Drogerie gekauft hatte. Nachdem er ihn einmal gelesen hatte, steckte er ihn in seine Jackentasche und holte ihn gleich wieder raus, und ihn noch einmal zu lesen. Das wiederholte er mehrmals.
Als ich dort gleich weggehen wollte, kam ein deutscher Freund zu mir, der noch Getränke gekauft hatte. Ich habe ihm aufgeregt und stark verärgert erklärt, was der Mann neben mir gerade gemacht hatte. Das er sehr komisch und ekelhaft sei. Das er meinen Kassenbon, der runter gefallen war, als ich das Handy aus der Tasche holte, mit seinem Regenschirm aufgepickt habe und ihn dann wieder und wieder gelesen habe. Ich wies ihn darauf hin, dass er den Kassenbon wieder aus seiner Tasche nahm! Dann drängte er sich auch noch naher an mich ran und versuchte in meine Tasche hinein zu gucken. "Hilfe," stellte ich fest, "er ist pervers!".
Mein Freund sagte mir aus Spaß und um mich zu beruhigen: "Es ist doch interessant zu wissen, was eine Frau kaufte. Es könnten ja Kondome sein." Ich antwortete darauf: "Oh, bitte! So ein schrecklicher HENTAI Kerl!" Wir haben auf Deutsch geredet und das hat es mir leichter gemacht, so böse zu schimpfen.
Als die Lautsprecherdurchsage ertönte: "Aufpassen bitte, die Zugtüren öffnen", sagte der verrückte Mann zu dem Freund, zwar langsam, aber auf Deutsch: "Entschuldigung, was denken Sie über japanische Mädchen?" Wir beide haben uns die gleiche Sache vorgestellt, was der HENTAI Man nun fragen will. So in Richtung Ausländer mit japanischer Frau. Aber dann hat er sich über die "Umweltverschmutzung" der japanischen Mädchen beklagt, während er uns meinen Zettel zeigte. Super! Umweltschmutzung? Das gibt's doch nicht! Mein Ärger ist explodiert und ich sagte zu ihm, auch auf Deutsch, "Warum sagen Sie das nicht direkt zu mir? Was Sie gemacht haben, war ziemlich komisch". Ich sagte das so laut, dass uns alle andere Zugfahrer komisch anschauten.
Da aber wurden die Zugtüren gerade geöffnet, und alle Leute, wir mit ihnen, drängten in die Bahn, um ein Platz zu kriegen. In der vollgepackten Bahn war ich glücklicherweise oder vielleicht auch unglücklicherweise von ihm getrennt. Ich wollte ihm noch mehr sagen. Und mein Ärger wuchs immer weiter. Die ganze Zeit musste ich darüber nachdenken und mich ärgern, weil ich meinem Ärger nicht freien Lauf lassen konnte.
Naja, richtig komisch war es. Mir ist erst viel später richtig aufgefallen, dass er Deutsch gesprochen hatte und darum verstehen konnte, was ich Schlechtes über ihn gesagt habe. Mein Freund lächelte bitter und sagte: "Sein Deutsch war nicht schlecht. Wir haben das erste Mal einen Japaner getroffen, der unser Gespräch heimlich mithören konnte. Oder zumindest glauben wir das. Cool!". Cool fand ich den Kerl überhaupt nicht, aber langsam war mein Ärger weg und ich fand es nun auch eher witzig und musste auch lachen. Ich finde es nach wie vor falsch, dass er mir Umweltverschmutzung vorwarf. Aber es tut mir Leid, Onkelchen, dass ich dich "pervers" genannt habe. Ich werde in Sachen Umweltverschmutzung schon aufpassen…