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woche 23: Krieg um einen Platz in der Bahn (Teil 2)
 


TEXT von UCHIDA Yukiko


In solch einem mit Menschen voll gestopften Zug habe ich neulich einen Mann mit einem Baby auf dem Arm stehen sehen. Ich kämpfte währenddessen um Atemluft und war mit aller Kraft damit beschäftigt, in all dem Gewühl nicht hinzufallen. Der Zug war größtenteils mit Geschäftleuten gefüllt, aber natürlich waren alte Leute, Kinder und schwangeren Frauen unterwegs. So auch dieser Mann mit dem Baby, der nun bemüht war, sein Baby zu beschützen. Niemand bot ihm einen Sitzplatz an, obwohl er direkt vor den Sitzen stand. Die Sitzenden schliefen größtenteils - oder haben wenigstens so getan.

Ich sehe leider oft solche Szenen, bei denen zum Beispiel alte Leute stehen müssen, während junge Leute einfach sitzen bleiben. Ich wurde auch schon von ein paar Leuten aus Deutschland gefragt, warum dies in Japan so ist. Nun, hier kann ich nur spekulieren.

Vielleicht kämpfen wir automatisch um einen Platz, um uns zu schützen oder um es dann bequem zu haben (auch außerhalb der Hauptverkehrzeit, wenn es nicht mehr so voll ist, dass man sich in Lebensgefahr fühlen muss), so dass uns alles andere aus egoistischen Motiven heraus erst einmal egal ist, wenn wir einmal sitzen?

In Japan kursiert zudem ein Gerücht, das vielleicht alle Leute hier schon einmal gehört haben: Jemand bot mal einer alten Frau einen Sitzplatz an. Diese schrie ihn an und behauptete erbost, sie sei doch keine alte Frau! Der Mann fühlte sich gedemütigt. Ich bin mir nicht sicher, ob dieses oft erzählte Gerücht der Grund dafür ist, dass wir anderen in der Bahn keinen Sitzplatz anbieten. Aber derjenige, der dieses Gerücht schon einmal gehört hat, wird sich sicher jedes mal, wenn er jemanden in der Bahn stehen sieht, bevor er seinen Sitzplatz anbietet, fragen, wie alt wohl der andere ist und ob man den Platz anbieten sollte, ohne den anderen vielleicht zu beleidigen. Na ja, das mag jetzt beinahe wie ein Witz klingen, aber ich glaube, es ist zumindest wahr, dass die meisten Japaner nicht sehr gut darin sind, jemandem anderen spontan zu helfen, obwohl viele Japaner grundsätzlich jemandem helfen wollen, der in Schwierigkeiten ist.

In Deutschland wurde mir hingegen oft geholfen. Zum Beispiel, als ich einmal schwerere Sachen zu tragen. Irgendjemand kam gleich auf mich zugelaufen, half mir und ging gleich wieder weg. So smart und einfach. Die meisten Japaner dagegen denken vielleicht zuerst lange darüber nach, wie sie den dem anderen aus seinen Schwierigkeiten heraushelfen könnten. Über das lange Nachdenken verpassen sie den richtigen Zeitpunkt, den Hilfesuchenden anzusprechen und lassen es dann lieber gleich ganz sein. Zu dem Zug-Problem: Ich kenne auch ein paar Leute, die sagen, dass sie sich nicht setzen, weil es ihnen manchmal einfach zu mühevoll sei, jemandem anderen unter Umständen einen Platz anbieten zu müssen. Das ist vielleicht auch eine Idee... Aber: Es gibt hin und wieder doch Leute, die ihren Sitzplatz anbieten. Ich bin sehr froh, wenn ich so etwas sehe. Und seit ich in Deutschland so viele nette hilfsbereite Leute gesehen habe und über das Thema für diesen Tagebucheintrag nachgedacht, habe ich mir vorgenommen, in Zukunft nicht mehr um einen Sitzplatz in der Bahn zu kämpfen, sondern ihn gerne und spontan jemanden anzubieten, der ihn dringender benötigt, als ich.



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