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"Die Virtuellen werden die Lebendigen nicht verdrängen."

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"Die Virtuellen werden die Lebendigen nicht verdrängen."
Interview über die Zukunft von virtuellen Persönlichkeiten

Japanlink traf den Kölner Producer für virtuelle Charaktere Sascha Lammers und sprach mit ihm über virtuelle Idole, ihre Zukunft und ihre Akzeptanz in Japan.

Japanlink: Herr Lammers, wir haben in Japanlink bereits ausführlich über "Virtual Idols" und "Virtual Characters" berichtet, über virtuelle Haustiere wie das Tamagotchi, virtuelle Popstars und Moderatoren aus dem Computer. Sie beschäftigen sich nun von Berufswegen mit genau diesen Dingen, daß heißt, sie konzipieren und gestalten fürSascha Lammers verschiedene Plattformen künstliche Menschen. Wie sieht Ihre Arbeit genau aus?

Lammers: Also ich arbeite bei der Tevox in Köln und mein Job als Producer ist der, daß ich die komplette Erstellung des Characters überwache und selbst auch kreativ bin. Das heißt der Kunde kommt zu uns, entweder mit oder ohne Vorstellung von einem Character. Das Ganze wird dann geplant, gezeichnet und - sofern eine Geschichte vorkommen soll - ein Storyboard entwickelt. Hinzu kommt die 3D-Gestaltung, Texturierung bis hin zur kompletten Animation, Arbeitsschritte, die ich überwache und mit dem Kunden abstimme. Ich bin dabei also Verbindungsglied zwischen Kunde und Techniker.

Japanlink: Werden die Storyboards dabei noch ganz konventionell von Hand gezeichnet?

Lammers: Wenn es um größere Projekte geht - seien es Fernsehclips oder Messeauftritte, bei denen stündlich eine Moderation gemacht werden soll - muß ein Storyboard dasein, an das man sich halten kann. Diese sind dann handgezeichnet.

Japanlink: Sie haben Ende Oktober auf der "Tôkyô Motor Show" im Auftrag eines Kunden Fahrzeuge mit der virtuellen Moderatorin Lucy Laser präsentiert. Welche besonderen Vorbereitungen mußten dafür getroffen werden?

Lammers: Hierbei war es so, daß das Storyboard nicht gemacht werden mußte, um zu sehen, wie sich der Character bewegt, sondern vielmehr um die ganzen Zuspielungen, die für eine Live Präsentation nötig sind, festzulegen. Der Character selbst wurde von uns frei animiert, um auf die Zuschauer eingehen zu können. Der Zuschauer sagte irgendetwas und dementsprechend mußte auch der Character reagieren. Daher wurde die Bewegung der Figur nicht so stark vordefiniert, sondern live realisiert.


Lucy Laser, virtuelle Moderatorin auf der Tôkyô-Motor Show 1999.
Japanlink: Der Character, den Sie auf dieser Messe eingesetzt haben war wie so oft eine Frau. Wieso, glauben Sie, sind es fast immer Frauen, die für solche "virtuelle" Moderationen eingesetzt werden?

Lammers: Ja, wir sind ja alles Männer in der Tevox, deswegen (lacht). Nein, es ist in der Tat so, daß der Kunde zu uns kommt und Wünsche äußert. Frauen sind dabei eher gefragt. Wir haben bisher einen Mann in einer Auftragsarbeit modelliert, ansonsten sind es auch von uns ausschließlich weibliche Charaktere, die erstellt werden. Warum, wieso, weiß ich allerdings auch nicht.

Japanlink: Haben Sie auf dieser Messe feststellen können, ob das japanische Publikum die virtuelle Moderatorin anders aufnimmt, als sie es von europäischem Publikum gewohnt sind?

Lammers: Ich habe die Japaner während unserer Shows beobachtet, weil es mich natürlich immer interessiert, wie das Publikum auf unsere Character reagiert. Die Japaner sind - das ist jetzt eine ganz persönliche Einschätzung - etwas schwierig in diesem Bereich: Sie zeigen wenig Emotionen nach außen und man weiß dann nicht, ob sie's gut finden und nicht. Das heißt, die meisten Japaner kamen zu unserem Stand, schauten, was es zu sehen gab - ein tolles, neues Auto, eine nette Messehostess, ein virtueller Character oder eine super Show - blieben 5 Minuten stehen, wenn überhaupt, und gingen weg, ohne eine Miene zu verziehen. Es war also sehr schwierig für mich zu beurteilen, ob dem Japaner dort gefällt, ob es ihn anspricht. Ich weiß nur, daß alle letztendlich zufrieden waren und das ist für mich die Bestätigung, daß der Character seinen Sinn und Zweck erfüllt hat, nämlich das Publkum anzusprechen und etwas zu vermitteln.

Japanlink: Wie schätzen Sie, wird sich diese Erscheinung weiterentwickeln? Glauben Sie, daß virtuelle Models, Schauspieler und Moderatoren mittelfristig solche aus Fleisch und Blut verdrängen könnten?

Messehostessen
Sehr non-virtuelle Präsentatorinnen auf der Tôkyô-Motor-Show '99
Lammers: Meine persönliche Einschätzung ist, daß es nicht so sein wird. Bisher hat die Computeranimation zwar einige Dinge vereinfachen können, aber ein anderes Medium - sei es das Medium Mensch oder das Medium Zeichentrick - kann es nicht komplett verdrängen, soll es auch nicht. Das Medium Computer bietet die Möglichkeiten, andere Dinge zu tun oder Dinge, die bisher nur mit hohem Aufwand zu bewältigen waren, mit wesentlich weniger Aufwand zu bewältigen. Was im Augenblick aktuell ist, sind Charaktere, die recht realistisch wirken. Hiervon entfernt sich allerdings der Trend, Der Kunde wünscht jetzt eher Character, denen ihre künstliche Herkunft deutlich anzusehen ist, die Vorzüge des Virtuellen nutzend. Es gibt zur Zeit Techniken um 2D, also zeichentrickähnliche Charaktere mit dem Computer zu erstellen. Das wird sich auch durchsetzen, aber auch etwas anders aussehen, als klassischer Zeichentrick. Man kann das in diversen Disney-Filem sehen.

Japanlink: Wie zur Zeit in Tarzan...

Lammers: Ganz genau. Das funktioniert dann auch in Echtzeit, wird aber den klassischen Zeichentrick nicht ersetzen können, weil reiner Zeichentrick noch ganz andere Möglichkeiten bietet.

Japanlink: Aber Sie gehen schon davon aus, daß die Anzahl der virtuellen Charaktere, vor allen Dingen der Moderatoren zunehmen wird? Immerhin sind schon wieder einige der Charaktere wieder von der Bildfläche verschwunden, wie z.B. DATE Kyôko. Glauben Sie, daß das daran liegt, daß sich das Publikum an den Figuren sattsieht und ständig etwas neues fordert oder daß einfach noch nicht die Akzeptanz für so etwas da ist?

Lammers: Hm, ich glaube, ohne jemanden von den Mitbewerbern schlecht machen zu wollen, daß es sehr schwierig ist, gute Charaktere auf den Markt zu bringen. Es reicht nicht, einen tollen Character zu machen, der gut aussieht, sondern dieser Character muß auch ein Leben haben, eine eigene "Persönlichkeit" haben, mit der er nach außen treten kann. Entweder entwickelt er sich dann zu einem Publikumsliebling, oder nicht. Obwohl dies auch Zeit braucht, um sich zu entwickeln. Thomas Gottschalk ist wahrscheinlich auch nicht vom ersten Tag an überall auf Akzeptanz gestoßen. Und bei vielen Characteren ist es so, die sehen entweder gut aus oder sind technisch sehr gut umgesetzt, aber es fehlt die Story, es fehlt das drumherum. Genauso, wenn man eine gute Story hat, der Character ist aber technisch nicht auf dem Stand der Dinge oder ist einfach nur schlecht gespielt von den entsprechenden Puppenspielern oder gar schlecht animiert. Es muß also alles insgesamt stimmig sein, und das ist das, was einen Character gut und die ganze Sache schwierig macht.


Hinter den Kulissen: Lucy Laser wird animiert
Japanlink: Sie sprachen jetzt gerade davon, daß der Background einer Figur wichtig sei. Eine Sache, die bei DATE Kyôko ja gegeben war. Wie es technisch war, ist eine andere Frage, weil man ja von Kyôko fast nur Standbilder sah. Jedenfalls ist Hori Pro, der Entwickler von Kyôko inzwischen wieder bei der Förderung von lebendigen "Idols" gelandet.

Lammers: Ja, bei DATE Kyôko war es so, daß man ja tatsächlich nur diese paar Stills gesehen hat. Ich kann immer wieder diese Bilder im Internet posten. Wenn ich zwei Jahre lang immer nur die selben Bilder sehe, interessiert mich der Character irgendwann nicht mehr. Es ist so wie mit lebenden Idolen wie z.B. Madonna, immer neue Sachen sehen, ich will neue Platten hören, neue Bilder sehen, neue Videos und neue Stories lesen, ansonsten stirbt das Idol. Man muß also auch da auf dem Laufenden bleiben und immer Nachschub liefern und das ist genau das, was bei DATE Kyôko eben nicht gemacht wurde.

Japanlink: Herr Lammers, vielen Dank für das Gespräch.

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