Entstehung und Ausbreitung
Von Andreas Fels
Das japanische Internet. Vorab.
Das Internet in Japan ist, genau wie das Internet in anderen Ländern, in den vergangenen Jahren exponentiell gewachsen und genießt allmählich die Akzeptanz von einer immer größer werdenden Gruppe Benutzer, die den verschiedensten sozialen Schichten angehören.
Dabei kam der Durchbruch des Internet in Japan ähnlich schleppend wie beispielsweise in Deutschland: Während in den USA spätestens seit der Einführung einer einheitlichen Formatierungssprache (Für das WWW: HTML) und benutzerfreundlicher Programme, mit denen sich die Anwender durch das weltweite Datennetz bewegen können - die Browser - das "neue" Allzweck-Medium beinahe von einem Tag zum anderen den Durchbruch schaffte, begegneten die Deutschen den neuen technischen Möglichkeiten mit Mißtrauen und in Japan hatte das Datennetz gegen eine ganze Reihe von Widrigkeiten anzukämpfen: die japanische Sprache, die traditionell uninformative japanische Gesellschaft, die japanische Ansicht, das Computer-Hardware wichtiger sei als Software, die Definition von Information anhand des ambivalenten Begriffes jôhô, das uchi-soto Gesellschaftssystem und das drohende Internet Monopol der japanischen Telekommunikationsgesellschaft NTT.
Trotz all dieser ungünstigen Voraussetzungen ist ein großer Teil aller weltweiter Homepages in japanischer Sprache verfaßt und folgt in der Häufigkeit hinter den Englischsprachigen, die mit Abstand den größten Anteil aller Seiten ausmachen, und den Deutschsprachigen.
Ich werde in dieser Artikelreihe versuchen, näher zu beleuchten, wie das Internet in Japan entstand und bestehende politische, wirtschaftliche und soziale Strukturen veränderte, was seine Antagonisten waren und sind, die gegenwärtige Situation beschreiben und Prognosen für seine nähere Zukunft stellen.
Entstehung und Ausbreitung des "neuen" Mediums in Japan
Das japanische Internet hat seine Ursprünge in einem kleinen, experimentellen Netzwerk, welches 1984 unter dem Namen JUNET startete. Das JUNET wurde auf ehrenamtlicher Basis betrieben und enthielt zunächst nur eine eigene News-Gruppe, also eine eigene Diskussionsgruppe, in die die wenigen Menschen, die mit einem Modem Zugang zu dem Netz hatten, ihre Mitteilungen stellen konnten. Das JUNET wurde daher wichtig, weil hier schon recht früh die Grundlagen für das spätere japanische Internet gelegt wurden. So wurde unter anderem entschieden, daß Email Nachrichten in der Landessprache versendet werden sollten und eine hierarchische Struktur der Internet-Domänen angelegt werden solle. Schon kurz nach dem Start, wurde das JUNET mit dem USENET verbunden, was nun eine Kommunikation in größerem Rahmen auch mit US- amerikanischen Nutzern der News-Gruppen zuließ und den japanischen Nutzern eine größere Vielfalt an verfügbaren Diskussionsgruppen eröffnete.
Die erste internationale Netzwerk-Verbindung gab es im Jahr 1985 unter dem Namen BITNET zwischen der Stadt- Universität von New York und der Wissenschaftlichen Universität von Tôkyô.
1987 wurde das JUNET letztendlich weltweit erreichbar, als es an den Datendienst der Firma Compuserve, das sogenannte CSNET angeschlossen wurde.
Das JUNET wurde, trotz oder gerade wegen seiner auch inzwischen kommerziellen Popularität im Jahr 1994 eingestellt, als das japanische Ministerium für Post und Telekommunikation den kommerziellen Betrieb eines solchen Netzes innerhalb des Internet verbot.
1986 hatte sich allerdings schon eine Gruppe von Forschern, die an der Gründung und dem Aufbau des JUNET beteiligt waren, entschlossen, ein größeres Netzwerk innerhalb Japans, welches nicht nur durch die telefonische Verknüpfung durch einzelne Modems funktioniert, aufzubauen. Diese Verknüpfung durch feste Leitungen nannten ihre Gründer das WIDE-Project (Widely Integrated Distributed Environment) , welches konstruiert wurde als Testbett als lokaler Teil eines Internet. Es lag nahe das hiesige Netz mit ausländischen Netzen zusammenzuschließen, da auch in Ländern wie den USA, Australien und Neuseeland ähnliche Ansätze eines Länderninternets mit Verbindung zum Ausland vorlagen und diese Länder bereits im sogenannten PACCOM-Projekt zusammengeschlossen waren. Auf japanischer Seite waren die Einzelnetze JUNET, HEPNET-J, TISN, JAIN, JOIN und SINET (vergleichbar mit dem Deutschen Forschungs Netz (DFN)).
Das WIDE Internet spielt auch heute noch eine Rolle, da es das einzige Testbett ist für Forschung und Entwicklung des japanischen Internet. Das WIDE Projekt wird derzeit von 80 Firmen und 250 Forschern unterstützt und getragen.
Folgerichtig ist genau wie auch in den USA und Europa das Internet nicht als ein einziges großes Netz, sondern viel mehr als Zusammenschluß verschiedener nationaler Netzwerke beschrieben werden kann, muß festgehalten werden, daß in Japan noch weitere bedeutenden Datennetze neben dem bereits beschriebenen WIDE bestehen.
So existiert hier das SINET, das japanische Forschungsnetz und somit der Zusammenschluß der Universitäten und unterschiedlicher anderer Forschungs- und Lehreinrichtungen, welches aus dem 1989 gegründeten NACSIS-Netz gebildet wurde. Das SINET und sein Vorgänger NACSIS sind nicht zuletzt aus dem Grunde wichtig für das allgemeine japanische Internet, weil seine Leiter stets sehr erfolgreich darin waren, Gelder von der Regierung für den Ausbau ihrer Netze zu mobilisieren und die verschiedenen Universitäten miteinander zu vernetzen .
Die Regierung ließ nicht lange auf sich warten und bildete etwa zeitgleich zum Start des SINET ihr eigenes Netz, das Inter Ministry Network (IMNET) als erste inter-ministeriale Gruppe, welche frei im entstehenden japanischen Internet agieren und die Untersuchung und Ausbildung dieses Netzes unterstützen sollte.
Wie auch in anderen Ländern war das, was wir heute als Internet bezeichnen, nur einer Elite von Benutzern zugänglich.
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