Das "Nihongo ga jouzu desu ne" - Phänomen
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Das "Nihongo ga jouzu desu ne" - Phänomen
Von Sibylle Altmann
Immer wieder diese eine Situation. Sie ist vielleicht als Schulterklopfen gemeint, kommt aber bei mir und wahrscheinlich bei den meisten Leuten, die seit Jahren eifrig und bis zur Selbstaufgabe versuchen, einen Einblick in die japanische Sprache zu erlangen, an wie ein mittelschwerer Schlag in die Magengegend. Der Schauplatz: Der kleine Liquor-Shop am Bahnhof / Lawson's Convinient-Store / Das Postamt / Eine Straßenecke / Die Wüste Gobi / Jeder Ort in diesem Universum, an dem man eine/n Japaner/in zum ersten Mal treffen kann. Die Akteure: Ein/e Japaner/in
Ein Gaijin (= Mensch von draussen = Nicht-Japaner/in) Der Dialog: Gaijin: "Konnichi wa." (= Guten Tag) Japaner/in: "Oah, nihongo ga jouzu desu ne." (=Meeensch, sprechen sie aber gut Japanisch!!!) Dieses immer wiederkehrende Grundmotiv kann natürlich im Detail variiert werden. Anstatt "jouzu" wird gerne "umai" verwendet, beides bedeutet soviel wie: "geschickt", "gut beherrschen", "sein Handwerk verstehen", usw... "Konnichi wa" darf beispielsweise durch "Konban wa" (= Guten Abend) ersetzt werden. Nach diesem obligatorischen Wortwechsel bleibt dem Japanisch-Lerner nichts anderes übrig, als dem klassischen Schema zu folgen und etwas in sich hineinzumurmeln, das soviel bedeutet wie: "Oh, nein, nein, nein, nicht doch, ganz im Gegenteil, ich kann gar nichts und muss noch viel, viel lernen." Jedesmal wieder stehe ich vor einem Meer von Fragen. Was will mir dieses überschwengliche Lob sagen? Ist meine Aussprache denn wirklich so perfekt, daß ein Native Japanese Speaker schon nach zwei Worten meine enormen Fähigkeiten erkennen kann?? Aber halt, dann wären diese ja bei ALLEN gaijin vorhanden...Seltsam. Kommen diese zwei Worte vielleicht so schlecht an, daß man mich durch ein übertriebenes Lob so beschämen will, daß ich erstmal gar nichts mehr sage? Soll ich so in Selbstzufriedenheit versinken, dass ich alle weiteren Versuche abbreche, den geheimen Code der Japaner zu knacken? Oder sind die Japaner einfach so überzeugt davon, wie unerlernbar ihre Sprache ist, daß sie WIRKLICH schon beeindruckt sind, wenn man nur ein Grusswort beherrscht? Oder ist ganz Japan ein einziger Zen-Tempel, im dem mir immer wieder unlösbare Raetsel aufgegeben werden? Oder wollen sie einfach nur nett sein??? Das größte Fragezeichen muß neulich auf meiner Stirn erschienen sein. Nachdem ich die erste Konversationsphase mit einer japanischen Studentin normgerecht durchlaufen hatte, antwortete ich auf ihre Frage, aus welchem Land ich komme, mit einem originellen "Doitsu kara" (= Aus Deutschland). Die Brillianz meiner Antwort schien sie so zu beeindrucken, daß sie sich nochmals in "Jouzu"-"umai"-Hymnen verlor, um dann anschliessend mich (blauäugiges, langnasiges, im Moment rötlich gelocktes Wesen) zwar etwas kritisch zu begutachten, aber dann ALLEN ERNSTES zu fragen, ob ich nicht vielleicht eine japanische Großmutter gehabt hätte, mit der ich schon immer Japanisch gesprochen hätte. HÄH? Richtig, da fällt einem rein gar nichts mehr zu ein. Vielleicht sollte ich mich doch einmal mehr der Zen-Meditation widmen
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