NAKATA Hidetoshi, der erste japanische Fußballstar Italiens
Von Gyo Araiwa
Wenn NAKATA Hidetoshi die Spielmacherposition einnimmt und einen guten Tag hat, dann jubeln die Fans von AS Rom und stimmen zum Schlachtengesang "Hidegol" an. Das Lied wurde seinerzeit über ein Jahr bei dem ungleich kleineren Verein der Serie A AC Perugia geprobt. Dort war es auch, wo die Karrierre des damals 21-jährigen in der italienischen Eliteliga begann. NAKATA - als der rothaarig- gefärbte Spielmacher - war Gauchi, dem Präsidenten des kleinen Vereins der umbrischen Hauptstadt, in der vielversprechenden, aber erfolglosen Darbietung der japanischen Nationalmannschaft aufgefallen. Etwa 3 Mio. DM kostete der Wechsel des Japaners von dem J-League-Club Bellmare Hiratsuku - ein Schnäppchen zweifellos.
Die Ablösesummen haben besonders in Italien, gefolgt von Spanien und England, in den letzten Jahren astronomische Höhen erreicht, vorläufiger Höhepunkt war der Wechsel von Christian Vieri, seines Zeichens italienischer Nationalstürmer, von Lazio Rom nach Inter Mailand für umgerechnet rund 100 Mio. DM.
Die sportliche Bilanz NAKATAs bei seinem ersten italienischen Arbeitgeber liest sich eindrucksvoll: Gleich im ersten Spiel schoss er zwei Tore gegen Juventus und etablierte sich auf Anhieb in der Stammelf. In der folgenden Saison 1998/99 bestritt er fast alle Pflichtspiele, wurde nicht ein einziges Mal ausgewechselt, ihm wurden alsbald auch die Elfmeter für sein Team anvertraut, er wurde zum erfolgreichsten Torschützen des AC Perugia. Der Corrierre dello Sport, das auflagenstärkste Presseorgan zum Thema Fußball in Italien, stufte ihn nach Saisonende unter die zehn besten Mittelfeldspieler des Landes ein.
Anfang dieses Jahres meldeten die großen, finanzkräftigen Vereine der Serie A nun ihr Interesse an dem Japaner an. Mitte Januar war es schließlich AS Rom, das für etwa 30 Mio. DM den Zuschlag erhielt. Der Vorgang des Wechsels wurde in Japan von allen Medien verfolgt inkl. NAKATAs eigener Homepage, die an jenem Tag so viele Besuche zu verzeichnen hatte, daß der Server zusammenbrach.
Der sportliche Erfolg des Japaners bildete die Vorbedingung für den wirtschaftlichen Wachstum auf Seiten des Vereins - und der Region. Abgesehen des stattlichen Transferbetrags vom AS Rom an den Verein, der zudem durch den Wechsel von zwei weiteren Spielern zum AC Perugia ergänzt wurde, verhalfen NAKATAs Tore auch den weitgehend unbekannten Ausstatter Perugias mit Namen Galex zu finanziellem Segen. In Japan stellen die Verkaufszahlen des Trikots mit der Nummer Acht die eines Fußballpopstars David Beckham oder eines Ronaldos in den Schatten.
Vor Ort sorgten zudem Touristen an jedem Heimspielsonntag für eine kräftige Yen-Finanzspritze in die örtliche Gastronomielandschaft - die japanischen Pauschalreisenanbieter JAL Tours, JTB wie auch Kinki Tourist boten Italienrundreisen mit Besuch von Heimspielen in Umbrien an.
Es wird hier nicht der Kult um die Person NAKATA Hidetoshi gefeiert, bleiben doch die Erfolgsberichte im Rahmen der eines begabten Fußballers. Was ihn jedoch interessant macht, ist seine Rolle als Schlüsselfigur in der japanischen Sportwelt.
Die J-League wurde 1993 ins Leben gerufen, und das Ziel der Funktionäre war es, durch die Einrichtung einer professionellen Kaste von Fußballern den japanischen Fußball auf ein internationales Niveau anzuheben. Gleich mehrere Dutzend älterer ausländischer Stars, die jedoch in ihren heimischen Ligen nur noch Mittelmass waren, sollten für einen ansprechenden Zuschauerschnitt sorgen.
In den Folgejahren trat jedoch eine Entwicklung ein, die fast schon Parallelen aufweist zur Modernisierung des Landes in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts: Systematisch wurden ausländische Spieler und Trainer verpflichtet, um den japanischen Fußball zu "modernisieren". Es handelte sich nicht mehr um ausrangierte Kräfte, viele gehörten weiterhin zu ihrer jeweiligen Nationalmannschaft: z.B. Carlos Dunga (Brasilien) oder Cesar Sampaio, der erst in Japan zum brasilianischen Nationalspieler "reifte", Dragan Stoikovich blieb Kapitän der jugoslawischen Nationalmannschaft. Andere kehrten nach Erfüllung ihrer J-League-Mission auf die europäische Fußballbühne zurück und schlagen sich mehr oder weniger erfolgreich durch, hierzulande u.a. Alfred Nijhus (Borussia Dortmund), Gerald Vanenburg (1860 Muenchen), oder in anderen Ligen Leonardo (AC Mailand) und Michael Laudrup (Ajax Amsterdam). Prominentester und wohl auch erfolgreichster "Rückkehrer" unter den Trainern ist Arsene Wenger, der nach seiner Zeit bei Nagoya Grampus Eight bei Arsenal London beschäftigt ist.
Das personifizierte Symbol der dritten Phase der Modernisierung ist nun NAKATA. Er ist Ausdruck der erfolgreichen Entwicklung Japans zu einer Fußballnation und trug zur Erfüllung der Wünsche talentierter Spieler, in den renommierten europäischen Ligen zu spielen, bei: Viele sahen ihr Talent in der J-League verkommen, und versuchten als "Lehrlinge" bei europäischen Vereinen unterzukommen. Aber als Pionier öffnete Nakata ihnen erst die Tür zu lukrativen Profi-Verträgen bei Vereinen der Serie A und Primera Division Spaniens. Seit Beginn der Saison 1999/2000 spielt der Mittelfeldspieler NANAMI Hiroshi in Venedig und der Stürmer JO Shoji in Valladollid. Die Vereine, durch das erfolgreiche Gelingen des Experiments NAKATA bestärkt, gehen davon aus, daß dem sportlichen Erfolg auch der Wirtschaftliche folgt. Der Bürgermeister von Valladollid z.B., Francisco Javier de la Riva, ist überzeugt, daß sich JO Shoji zu einem "Botschafter der freundschaftlichen spanisch-japanischen Beziehungen" entwickeln wird - will heißen, daß die Zahl der Touristen und Gaststudenten genauso ansteigt, wie die der Exportzahlen des Weins der Region nach Japan.
Perugia-Präsident Gauchi kennt das Erfolgsrezept ja bereits: Er verweilte erst im März wieder in Japan und ist auf Sichtungsreise. Auf seiner Liste stehen drei Spieler der japanischen U-21 Auswahl, die er am liebsten sofort nach Italien mitnehmen möchte. Keine Hoffnung macht er sich dabei auf ONO Shunji, dem 20-jährigen Supertalent, japanischen Medien zufolge übertrifft sein Können das eines NAKATAs. Dieser lehnte jedoch zum Jahreswechsel Angebote von namhaften Spitzenvereinen ab. Es wurden Namen gehandelt wie Ajax Amsterdam, Borussia Dortmund oder Manchester United - konkret lagen zwei Angebote aus Italien vor. ONO verwies auf sein Alter und meinte, es sei noch zu früh für ihn, er habe noch zu wenig Durchsetzungsvermögen für die europäische Bühne.
Auf die Nachteile eines zu schnellen Aufstiegs zu einer großen Mannschaft weist Pionier NAKATA derzeit selbst hin. Gleich zwei AS Rom-Fanshops sollten in Japan entstehen, der Verkauf der Senderechte des AS Rom-Fanfernsehens in Japan ist Geschäftsvorhaben des Vereinspräsidenten Sensini, weiter ist eine japanischsprachige Website in Planung wie sie bereits der AC Perugia betreibt - nun hapert es bei Nakatas sportlichem Erfolg. Obwohl der Japaner bei dem Startrainer Fabio Capelli großes Vertrauen genießt und schon in der Woche seines Wechsels gleich voll eingesetzt wurde, gehört er drei Monate später nicht mehr in die Stammelf. Das Team hat schon Francisco Totti in seinen Reihen, den Spielmacher der italienischen Nationalelf, die zentrale Position des Denkers und Lenkers scheint bereits auf den gebürtigen Römer abonniert. Die Verlegenheitslösung, NAKATA auf anderen Positionen einzusetzen, schlug bisher fehl. Am 16. April drückte er zum ersten Mal in seiner Zeit in Italien über eine ganze Spiellänge die Ersatzbank.
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