Die einheimische Religion Japans
Von Marc Verfürth
Die alte japanische Religion, auch als "Shintô" bezeichnet, ist insbesondere durch ihre außerordentliche Vielfalt auffällig. Der Ursprung hierfür ist in ihrem regionalen Charakter und ihrer schwach ausgebildeten Dogmatik zu suchen. Ziel dieses Artikels soll es dabei sein, über die vorhistorische, wahrhaft unsystematische Volksreligion schließlich zu einer Darstellung des formalisierten Staatskultes der Nara-(720-784) und der Heian- Zeit (794-1180) zu gelangen.
Das Göttliche in allen Dingen - die kami
Wesentlich in der Religion des Altertums war der Glaube an kami. Dieser Ausdruck ist nur schwer zu fassen. Ursprünglich bezeichnete er etwas Hervorragendes,
als machtvoll Empfundenes, also Naturerscheinungen oder in der Natur existierende Dinge wie die Sonne, den Mond, Blitz und Gewitter, Berge, Seen oder auch Bäume und vieles mehr; die gesamte Natur beziehungsweise Welt wurde als beseelt empfunden, daß heißt, letztendlich trug jedes Ding, ob belebt oder unbelebt, einen Anteil an dem kami-Geist in sich. So wird auch in den Mythen von 800 Myriaden kami berichtet, die die Erde und den Himmel bevölkerten - eine unendliche Vielzahl an anbetungswürdigen Wesenheiten!
Mit der Zeit trat eine Abstraktion ein, die kami wurden zu unsichtbaren Wesen, von denen es keine bildliche Vorstellung gab, die bisher selbst als die kami verehrten konkreten Erscheinungen wurden nun als deren äußere Hülle, als eine Manifestation der Gottheit in der sichtbaren Welt der Menschen angesehen. Außerdem nahm man verschiedenste Gegenstände, vor allen Dingen Schwerter oder Spiegel, als "Götterkörper" (shintai), in denen sich die Gottheit niederlassen konnte. Diese shintai erfuhren sozusagen als Vertreter der Götter die diesen zu zollende Anbetung, obwohl man keineswegs glaubte, daß der kami immer in seinem shintai weilte; vielmehr war man überzeugt, daß die kami nur zu Zeiten von Festen oder Ritualen aus ihrem Reich in das der Menschen hinabstiegen und sich in ihrem Götterkörper niederließen. Durch diese Konzeption kam es zu einer Austauschbarkeit von kami und shintai, daß heißt, shintai wurden oft nicht nur als heilige Gegenstände verstanden, sondern als der kami selbst.
Eine Religion der Praxis
Es gab zwei Punkte, in denen sich das altertümliche Shintô grundsätzlich von vielen anderen Religionen unterschied: es mangelte ihm sowohl an einer ausgeteilten Dogmatik als auch an einem besonderen Jenseitsglauben.
Der Shintô besaß im gesamten Altertum kein Lehrsystem, alle, die sich mit der Ausübung des Kultes befaßten, wurden bestenfalls mit Hilfe von mündlich Tradiertem unterwiesen, oft wurde durch Divination ein neuer Gottesdiener bestimmt. Wenn ein Amt vererbt wurde, lernte der Nachfolger von seinem Vorgänger die verschiedenen Kulthandlungen und Gebete. Es entstand also keine theologische Elite wie im Christentum, und das Fehlen jeglicher Doktrinen und Dogmen (davon kann jedoch spätestens ab der Neuzeit von 1603 an keine Rede mehr sein) erleichterte das Entstehen immer neuer Kulte und Vorstellungen.
Was das Jenseits anging, so blieb es in der Vorstellung der Japaner bis zur Einführung des Buddhismus recht undeutlich. Der alte Shintô war eine Religion des Diesseits, eine weltbejahende Religion mit praktischem Hintergrund: an die Gottheiten gerichtete Gebete und Opfer sollten zu Verbesserungen der realen Lebensumstände fuhren und zielten nicht auf ein Leben nach dem Tod, Erlösung oder dergleichen. Auch die eindimensionale Weltsicht des Shintô, wie sie von Joseph M. Kitagawa (siehe Literatur zum Thema) konstatiert wird, war von entscheidener Bedeutung: die erlebte Welt war die tatsächliche Welt, eine Geisterwelt in einer anderen Dimension gab es nicht, ein Totenreich, das sich in der erlebten Welt befand, wurde zwar angenommen, jedoch blieben die Vorstellungen darüber schwammig.
Shintô - Volksglauben oder Staatsreligion?
A. Schamanismus
Sowohl im Volk als auch im Rahmen des Staatskultes waren verschiedene Besessenheitspraktiken fester Bestandteil des Kultes. Man glaubte, daß eine Gottheit von einem Menschen Besitz ergreifen und durch diesen Orakelsprüche, Segen oder Fluch verkünden könnte.
Der japanische Schamanismus stammt noch aus archaischen Zeiten, in Japan bestand wohl noch mindestens bis ins 3.Jahrhundert eine matriarchalische Gesellschaftsform, in der Frauen zugleich Herrscherinnen und Priesterinnen waren. Aufgrund dieser Ursprünge gab es im Altertum neben einer ansonsten übermächtigen männlichen Priesterschaft fast ausschließlich weibliche Schamanen, miko oder itako, die mal zu einem Schrein gehörten, mal als aruki-miko ("wandernde miko") umherzogen. Sie mußten besondere Enthaltsamkeitsregeln einhalten, daß heißt, daß sie insbesondere jungfräulich sein und bleiben mußten. Nachfolgerinnen wurden entweder durch verschiedenste Prüfungen ermittelt, oder das Amt wurde matrilinear, also bestenfalls von der Tante zur Nichte eigene Kinder konnte es ja nicht geben - vererbt.
Als Schreinmädchen, den miko ähnlich, dienten sogar kaiserliche Prinzessinnen, die, mit Unterbrechungen, bei Antritt eines neuen Kaisers zu den Schreinen in Ise, Izumo, Kamo und Miwa gesendet wurden. Der Schamanisrnus war bis zur Bedeutungszunahme der Orakeldeutung im Staatskult sowie noch länger im Volksglauben ein so wesentliches Element, daß Eder gar von der Religion des Altertums als "miko-Religion" spricht.
B. Beziehungen zum Buddhismus
Dem "Nihongi" zufolge wurde der Buddhismus offiziell - ohne Zweifel war diese Religion schon vorher, beispielsweise durch die eingewanderten Koreaner und Chinesen, bekannt - im Jahre 552 eingeführt, indem der König des koreanischen Reiches Paekche dem Kaiser eine Buddhastatue aus Goldkupfer schenkte und diesen Glauben in höchsten Tönen lobte als besonders vorteilhaft. Zu Anfang gab es sowohl Befürworter (z.B. Shôtoku taishi) als auch Gegner des Buddhismus; entschieden dagegen argumentierten MONONOBE no Okoshi und NAKATOMI no Kamako zwei hochstehende Adlige und Führer mächtiger Klans. Entscheidener Fürsprecher des Buddhismus hingegen war der Führer des zu dieser Zeit mächtigsten Klans, der SOGA, SOGA no Inamee (?-570).
Der offizielle Grund für die MONONOBE und die NAKATOMI, vom Buddhismus abzuraten, war jener, daß sie befürchteten, die einheimischen Götter könnten über die Verehrung einer fremden Gottheit zürnen und das ganze Land dafür bestrafen. Allein diese Haltung zeigt, daß man keineswegs den Buddhismus als der einheimischen Religion unvereinbar gegenüberstehend empfand, sondern Buddha nur als weitere, wenn auch aus dem Ausland stammende Gottheit ähnlich den einheimischen kami sah. Buddha war eine neue Gottheit, deren Verehrung durchaus neben der der originären Götter erfolgen konnte.
Von der oben geschilderten Ausgangssituation kam es allmählich zu einer Durchdringung des Shintô mit buddhistischen Elementen, die in der Vorstellung des honji suijaku ("Urstand und herabgelassene Spur") gipfelte.
In diesem Zusammenhang möchte ich den im 6. oder 7.Jahrhundert geprägten Begriff "Shintô" ("Weg der Götter") näher beleuchten, dieser stand nach Naumann keineswegs in Opposition zum sogenannten Butsudô, dem "Weg Buddhas", sondern wurde aus dem chinesischen "Buch der Wandlungen", dem I-Ching, besser bekamt als I-Ging, entnommen. Diesem Werk folgend, verstand man in Japan unter dem "Weg der Götter" das Walten des Kaisers als Gott. Iheran zeigt sich schon deutlich, wie der Kaiser zunehmend in den Mittelpunkt des Kultes gestellt wurde. Ab dem 8.Jahrhundert wiederum wurde der Begriff ausgeweitet auf alle Gottheiten (auch der Kaiser galt, wie gesagt, als Gottheit, nämlich als "als Mensch sichtbarer Gott", arahitogami), auch auf fremdländische; damit wären wir wieder zum Buddhismus zurückgekehrt: tatsächlich war Shintô also keineswegs ein oppositioneller Begriff, sondern er schloß den Buddhismus eigentlich sogar mit ein. Um auf den oben gefallenen Terminus honji suijaku ("Urstand und herabgelassene Spur") zurückzukommen, so handelt es sich in Kürze um folgendes: die Buddhas und Boddhisattvas sind die tatsächlichen göttlichen Wesen, der "Urstand", um den Menschen in jeder Weltregion helfen zu können durch Verkündung ihrer Weisheit, erscheinen sie in der dem jeweiligen Menschenschlag am besten eignenden Form, und dies sind in Japan die kami, die "herabgelassene Spur".
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