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Obdachlose in Japan Menschen "ganz unten" in der Post- Seifenblasen- Wirtschaftsära Von Christine Ulrich
Täglich, wenn die letzte Bahn den Bahnhof Shibuya passiert hat, kann sich endlich auch Herr YAMADA zur Nachtruhe begeben. Ihn bringt kein letzter Zug mehr nach Hause, denn der Bahnhof ist bereits sein Zuhause. Herr YAMADA ist Anfang 50 und obdachlos. Seinen Posten beim Bau hat er verloren, weil er nach einer Herzoperation körperlich anstrengende Arbeiten nicht mehr ausüben konnte. Seine Krankenkasse hat ihn hinausgeworfen, da er sechs Monate nach der Operation immer noch nicht genesen war. Nun lebt er schon seit anderthalb Jahren auf der Straße; ohne Einkünfte und ohne ärztliche Versorgung.
Herr YAMADA ist kein Einzelfall. Er ist nur einer von den zehn bis 20 Obdachlosen, die regelmäßig auf dem Vorplatz des Bahnhofsausganges "Hachiko" in Shibuya übernachten, einer von 6.000 bis 8.000 Obdachlosen in Tôkyô und einer von den 30.000 geschätzten Obdachlosen landesweit.
Das Bestreben der Obdachlosen, trotz Armut, ihren Lebensstandard mit den geringsten Mitteln aufrecht zu halten, versetzt Ausländer immer wieder in Erstaunen. Es sind außerdem nur sehr wenige, die straffällig werden. Die Ursache, warum die meisten Obdachlosen in Japan weniger verwahrlosen als beispielsweise in den USA oder in Deutschland, liegt wohl darin begründet, dass sie nur selten aufgrund von Alkohol- oder Drogenabhängigkeit auf der Straße landen, sondern fast ausschließlich, weil sie Opfer von Firmenpleiten oder -rationalisierungen werden. Die Mehrheit der Obdachlosen stellt die Gruppe der Männer im Alter von 50 Jahren und älter, die aufgrund ihres Alters nicht mehr zu vermitteln sind. Allerdings bleiben auch Frauen nicht vom Schicksal der Obdachlosigkeit verschont. Ihr Anteil ist auf 5-10% angewachsen. Nachdem die Arbeitslosenquote im Jahr 1995 noch bei 3,4% lag, erreichte sie zu Beginn des Jahres 2001 erstmals 5% und wuchs bis zum Jahresende sogar auf 5,4% an. Die Zahl der Obdachlosen hat sich in den letzten 5 Jahren fast verdoppelt und wird ohne soziales Auffangnetz noch weiter rapide ansteigen. Die Tatsache, dass in den japanischen Massenmedien viel häufiger die englische Bezeichnung "homeless" zum Einsatz kommt, als der japanische Begriff "furôsha" lässt vermuten, dass dieses Phänomen eher als eine äußere Erscheinung empfunden wird, als ein innergesellschaftliches Problem. Die japanische Regierung hat es bisher versäumt der weiteren Ausbreitung von Obdachlosigkeit wirksame Maßnahmen entgegenzusetzen. Bisher wurde das Problem oft durch polizeiliche Vertreibung aus Bahnhofsgegenden oder Parks aus den Augen geschaffen. Jedoch lässt sich die rasch anwachsende Armee derjenigen, die ihr Dach über dem Kopf verloren haben, nicht mehr verleugnen.
Es gibt zwar erste Bemühungen der Regierung, für die Betroffenen Arbeitsplätze zu schaffen, sowie Unterkünfte für einen kurzen Zeitraum zur Verfügung zu stellen. Jedoch kann bisher nur ein geringer Teil der Obdachlosen mit diesem Angebot versorgt werden. Mehr als staatliche Arbeitsvermittlungsinstitute, bieten kriminelle Vereinigungen ihnen Tagesjobs an. Diese Jobs sind jedoch meist extrem niedrig bezahlt und bieten keinerlei soziale Absicherung. Auch das Betteln ist in Japan keine lukrative Alternative. Es ist per Gesetz verboten. Kaum jemand in der Bevölkerung zeigt Anteilnahme und ist bereit, eine kleine Spende zu geben. In einem Land wie Japan, in dem es das Ziel eines jeden ist, für das Wohl der Gesellschaft und der Familie zu sorgen, genießen Obdachlose ein besonders niedriges Ansehen. Ein Hilfsangebot ist zwar die staatliche Einrichtung einer Klinik, in der sich Betroffene kostenlos ärztlich behandeln lassen können, jedoch wird dieses Angebot nur zögerlich in Anspruch genommen. Patienten klagen über unfreundliche bis diskriminierende Behandlung. Außerdem eilt den Krankenhäusern im allgemeinen der Ruf voraus, dass ihre Hilfe allein darin bestünde, Obdachlose zeitweise von der Straße zu entfernen. Vor einiger Zeit äußerte sich Ministerpräsident KOIZUMI zum Problem der Obdachlosigkeit und sagte den Betroffenen nur geringe literarische Fähigkeiten nach, und dass sie aus diesem Grunde an unterster Stelle in der japanischen Gesellschaft stünden. Laut einer im Auftrag der Regierung durchgeführten Untersuchung im März 2001 trifft diese Aussage jedoch gar nicht zu. Viele Obdachlose sind gebildet und einige von ihnen sogar ehemalige Salary Men. 70% der Obdachlosen sind körperlich gesund und 80% wollen einen Arbeitsplatz finden. Der Ministerpräsident, der sich trotz Anstieg der Arbeitslosenquote in seiner Amtsperiode und Stagnierung der Reformpläne immer noch hoher Beliebtheit in der Bevölkerung erfreuen kann, sorgt mit seiner Aussage lediglich dafür, dass weitere Vorurteile geschürt werden. So lange jedoch die langanhaltende Wirtschaftskrise nicht überwunden ist, sollte sich jeder der Gefahr bewusst sein, dass ihn schon morgen das gleiche Schicksal wie Herrn YAMADA oder eines der vielen anderen Obdachlosen treffen könnte. JAPANLINK | aktuelles | medien & kultur | land & leute | geschichte & politik | special | über japanlink | © 1997-2010 by Alle Rechte vorbehalten. Vervielfältigung auf Datenträger wie CD-ROM, DVD-ROM und anderen Internetseiten sowie Nachdruck dürfen nur nach vorheriger schriftlicher Zustimmung von APIX erfolgen. |