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Ijime

Von Marc Verfürth

Ijime, abgeleitet vom japanischen Verb ijimeru, „quälen" ist allgemein definiert als die psychische oder physische Gewalt einer Gruppe gegen einen Einzelnen; insbesondere findet dieser Begriff aber Anwendung auf die Gewalt innerhalb japanischer Schulen von mehreren Schülern gegen einen ihrer Mitschüler. Ijime ist als Phänomen in Japan bereits seit etwa 1980 offiziell bekannt. Während ijime bereits 1985 seinen Höhepunkt erlebte, sind die Fallzahlen seitdem, wohl besonders wegen der gesteigerten öffentlichen Aufmerksamkeit und der damit verbundenen verschärften Gegenmaßnahmen, kontinuierlich rückläufig. Trotzdem wird ijime bis heute in Japan als akutes Problem gesehen, insbesondere wegen einiger außerordentlich schockierender Einzelfälle: im "Spitzenjahr" 1985 wurden auch neun Selbstmorde von Kindern aktenkundig, deren Ursachen sich ausdrücklich in ijime finden ließen; im Jahre 1986 folgten der "sôshiki gokko jiken" ("Begräbnis-Spielen-Fall"), 1993 der "matto shi jiken" ("Matratzen-Tod-Fall") in der Präfektur Yamagata und schließlich 1994 in der Präfektur Aichi ein Fall, bei dem ein Kind, das Selbstmord begangen hatte, in seinem Abschiedsbrief schrieb, es sei gezwungen worden, über 1 Millionen Yen (ca. 15.000 DM) in bar an seine Peiniger zu zahlen.
   
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Grafik : Fälle von Ijime zw.1990 und 1996
Grafik: Fälle von ijime zwischen 1990 und 1996

Grafik : Schüler, die der Schule fernbleiben
Grafik: Schüler, die der Schule fernbleiben

Inzwischen finden sich in Japan unzählige Fachbücher zu ijime; eine gebräuchliche Klassifikation der Fälle geht von vier Grundformen aus:
a) ijime no shisô kôzô ("ijime mit vierschichtiger Struktur"), mit Täter, Opfer, Publikum und unbeteiligten Zuschauern als den beteiligten Gruppen;
b) ijime no sansô kôzô ("ijime mit dreischichtiger Struktur"), mit einem Anführer, den Ausführenden und dem Opfer als Beteiligten (wobei alle aus ein und derselben geschlossenen Gruppe kommen);
c) eine gewaltbereite Gruppe geht auf einen Außenstehenden in der Umgebung mit physischer Gewalt los oder sie erpressen ihn;
d) auf Diskriminierung beruhend wird, ausgehend von einer (unbewußten) "Logik" der Beseitigung jedweder Andersartigkeit, ijime ausgeübt.

Während in den `80ern Typ a) häufiger war, gewann in den `90er Jahren Typ b) mehr an Bedeutung. Seitdem das japanische Erziehungsministerium 1994 erstmals in einer Mitteilung an die Regionalbehörden einen Katalog mit Gegenmaßnahmen herausbrachte, wird insbesondere als mögliche Lösung der Problematik die Selbstreflexion der Lehrer an den Schulen (ob es ijime auch an der eigenen Schule gibt), eine den Schülern gegenüber deutliche Verurteilung von ijime als asozial, die Stärkung der familiären Erziehung, mehr Problembewußtsein bei allen Beteiligten usw. propagiert.
Zusammenfassend kann man formulieren, daß als wichtigste Gegenmittel gegen ijime Offenheit/Öffentlichkeit und, vor allen Dingen, Zusammenarbeit aller Beteiligten gesehen wird.

Es ist dabei durchaus fragwürdig, ijime als spezifisch japanisches Problem anzusehen, denn unter anderem Namen traten schon ab den `70ern sowohl in Schweden als auch in Großbritannien ganz ähnliche Probleme auf. Ist ijime überhaupt ein so dringliches Problem, wie man in Japan (und nicht nur dort) glaubt? Und gibt es nun Unterschiede zwischen japanischem ijime und britischem bullying oder der Gewalt an Schulen in anderen Ländern?

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