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Der FUJIWARA Clan

Von Jens Probst

Betrachtet man das japanische Altertum, fällt zumindest in kultureller Hinsicht eine Periode auf, in der sich die Hauptstadt in Heian befand: die Heian-Zeit. In der Heian-Zeit fand die höfische Kultur zu einer Blüte, die in der geschichtlichen Folge nie wieder erreicht worden ist.
Voraussetzung dieser kulturellen Blüte war eine weitestgehend friedliche Zeit (mit Ausnahme einiger Randprovinzen) . Garant für diesen Frieden war eine politisch höchst dominante Sippe: die FUJIWARA.

Die Heian-Zeit beginnt 794 n.C. mit der Verlegung der Hauptstadt von Nara nach Kyoto und endet ca. 1192 n.C. mit der Machtübernahme durch den Kriegeradel . Während fast dieser gesamten Zeit bestimmten die FUJIWARA die Politik des Landes mit, für eine Zeit von ca. 200 Jahren sogar ausschließlich. Dabei wendeten sie niemals Waffengewalt im größeren Umfang an und setzten auch niemals einen Tenno ab.

Machtgrundlagen

Heiratspolitik

Die geschickte Heiratspolitik der FUJIWARA stellt mit Sicherheit den wichtigsten Faktor für die lange Machtphase der Familie dar. Die FUJIWARA erkannten das Machtpotential von matrimoniellen Verbindungen zum Kaiserhaus und nutzten diese Erkenntnis konsequent. Da der Rang des Tenno immer einem Mann zukam, spielten die Töchter des Hauses FUJIWARA hier die entscheidende Rolle. Die FUJIWARA sorgten immer dafür, daß eine der eigenen Töchter mit dem amtierenden Tenno liiert war. So war immer ein direkter Einfluß auf den Tenno gewährleistet. Auch sonst wurde versucht, die verwandtschaftlichen Beziehungen zum Kaiserhaus möglichst eng und umfassend zu halten. Hierbei scheuten die FUJIWARA auch keine inzestuösen oder semi-inzestuösen Verbindungen. So war jeder Tenno in ein Verwandtschaftsgeflecht eingewoben, das ihm praktisch die Meinungen und politischen Entscheidungen der FUJIWARA aufoktroyierte. So galten z.B. folgende Beziehungen von FUJIWARA Yoshifusa, dem ersten FUJIWARA-Regenten, zu amtierenden Tenno:
Yoshifusa war Schwager von Nimmyo, Schwiegervater von Montoku, Großvater und Großonkel von Seiwa sowie Urgroßvater und Großvater von Yozei .
Aufgrund dieser Heiratspolitik kann man feststellen, daß Frauen die Vormachtstellung der FUJIWARA begründeten und entscheidend die Politik der Heian-Zeit mitbestimmten.

Diplomatie und Intrige

Diese beiden Begriffe sind nicht eindeutig zu trennen, weil am Hof der Heian-Zeit die Ausübung politischen Drucks zur Durchsetzung der eigenen Ziele dem Einsatz von offener Gewalt vorgezogen wurde. Dies galt als eleganter, leistete aber folglich der Intrige als politisches Mittel Vorschub. Durch den üblichen Einsatz von Intrigen zur Interessensdurchsetzung entstand eine fließende Grenze zwischen Diplomatie und Intrige. Jedenfalls waren die FUJIWARA brillante politische Taktierer, die es verstanden, etwaige Konkurrenten durch politische Winkelzüge zu entmachten.
So war z.B. eine beliebte Methode zur Entmachtung eines Konkurrenten die Beförderung desselben in ein Amt einer entlegenen Provinz. Da eine höfische Gesellschaft nur in der Hauptstadt existierte und Kommunikationswege (falls vorhanden) sehr langsam waren, kam eine solche Versetzung dem gesellschaftlichen Tod einer Person gleich.

Dieses Schicksal widerfuhr z.B. dem FUJIWARA-Widersacher SUGAWARA Michizane, der nach jahrelanger Oposition gegen die Vormachtstellung der FUJIWARA zum Präfekt von Kyûshû ernannt wurde. Michizane fügte sich in sein Schicksal und starb verbittert auf Kyûshû.
Eine weitere Machtstrategie der FUJIWARA bestand darin, einen mündigen Tenno zum Abdanken zu zwingen und einen Kindkaiser auf den Thron zu setzen. Das ja meist mit dem Tenno verwandte Familienoberhaupt gab sich den Titel sesshô , und regierte anstelle des noch unmündigen Tenno. Bis der Tenno mündig war, wurde er längst von den FUJIWARA kontrolliert. Bei Erreichen der Mündigkeit des Tenno änderte der sesshô seinen Titel üblicherweise in kanpaku , was aber seine reellen Machtbefugnisse nicht einschränkte.

Sonstige Machtgrundlagen

Hier sind an erster Stelle die umfangreichen Provinzbesitzungen der FUJIWARA zu nennen. In der Heian-Zeit hatten sich die Adligen des Hofs bereits reiche Besitzungen und Sonderrechte für dieselben verschafft. So wurden adlige Besitzungen weder staatlich kontrolliert noch besteuert. Dies führte u.a. dazu, daß lokale Landbesitzer ihre Güter adliger Kontrolle unterstellten, um genannte Privilegien in Anspruch nehmen zu können. Hierdurch gewannen die Hofadligen stark an Besitz und somit an Einfluß. Die FUJIWARA nutzten ihre Finanzkraft in hohem Maße, was fast schon zwingend erscheint, wenn man bedenkt, daß die FUJIWARA nie über eine größere militärische Gewalt verfügten.
Ihrem militärischen Manko kamen die Unruhen in den entfernten Provinzen entgegen. Dort ansässige, militärisch mächtige Fürsten waren meist in Streitigkeiten untereinander verwickelt, oder sie waren mit Rebellen oder umherziehenden Räuberbanden beschäftigt. Diese Tatsachen verhinderten potentiell mögliche militärische Aktionen gegen die Hauptstadt und die FUJIWARA.

Schließlich muß erwähnt werden, daß die FUJIWARA nie die formale Stellung des Tenno angriffen oder gar selbst nach dem Titel des Tenno strebten. Sie begnügten sich mit der faktischen Machtausübung, wobei sie selbst meist nur zweit- oder drittrangige Titel innehatten. So umgingen sie ihrerseits mögliche Intrigen und Vorwürfe, daß sie nach totaler Macht strebten.

Geschichtliche Voraussetzungen

In der Yamato-Zeit von 350-645 n.C. wurde Zentraljapan von mehreren Clans beherrscht. Meist war die Herrschaft eines Clans sehr stark regional beschränkt, obwohl es schon vorherrschende Clans gab. Gegen Ende der Yamato-Zeit war der Clan der SOGA vorherrschend und die Machtverteilung im Staat neigte schon hier zur Zentralisierung. Ein Grund für den plötzlichen Untergang des Hauses SOGA war das Streben der SOGA nach dem Kaiserthron. Diese Bestrebungen wurden von ihren Opponenten zum Untergraben ihrer Vormachtstellung benutzt. Die FUJIWARA lernten hieraus und griffen niemals die formale Stellung des Tenno an.

Der endgültige Untergang der SOGA war besiegelt, als 645 n.C. der Staat nach chinesischem Vorbild reorganisiert wurde. Die sog.Taika-Reform entmachtete die Clans weitgehend und zentralisierte die Macht am Kaiserhof. Die wichtigsten Agitatoren bei der Durchführung dieser Reform waren der damalige Kaiser Tenchi und dessen Berater, der erste FUJIWARA.

Im Zuge der Reformen wurde die Hauptstadt nach Nara verlegt; dies geschah 710 n.C. und die Zeit bis zum erneuten Umzug der Hauptstadt nach Heian 794 n.C. heißt infolgedessen Nara-Zeit.
In Nara entstanden eine zentrale Bürokratie und eine relativ effektive Provinzialverwaltung. Die Clanoberhäupter, die mit an den Kaiserhof nach Nara gekommen waren, entwickelten sich in Nara zu einem zivilen Hofadel. Sie hatten am Hof die höchsten Beamtenposten inne. Diese Posten waren aber meist eher Titel als tatsächlicher Beruf, so daß die Adligen ihre Freizeit mit kultureller Muße zu füllen begannen.
Dies bedeutete starke Impulse auf kulturellem Gebiet, besonders auf Literatur und Malerei. Auf literarischem Gebiet kann insbesondere die Dichtung erwähnt werden.

Auf religiösem Gebiet war der Buddhismus in adligen Kreisen bereits sehr verbreitet, hatte aber an-nähernd keine Resonanz bei der Masse des Volks.

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