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Das Land der Automaten
"Vending Machines" in Japan

Von Robin Loch

Man findet sie an jeder Strassenecke Japans, auch in den abgelegensten Winkeln des Landes. Sie gehören fest zum Landschaftsbild und selbst bis auf die Spitze des heiligsten Berges der Japaner, dem Fuji-San, sind sie vorgedrungen. Die Rede ist von den stummen, immerbereiten Verkäufern Japans, den Automaten. Zur Zeit bevölkern schätzungsweise knapp 6 Millionen dieser Jidouhanbaiki das Land. Damit müssen sich gerade mal zwanzig Japaner um einen Automaten streiten. Das ist unangefochtene Weltspitze, weit abgeschlagen auf Platz zwei liegen die Amerikaner mit einem Automaten pro Kopf Verhältnis von gerade mal eins zu fünfunddreißig.
   

Automatenreihe in Akihabara/ Tôkyô. Getränke verschiedener Hersteller und in heißer und kalter Form sind im Angebot.
Bild: © Kerstin Schmidt-Denter

Wer schon einmal in Japan war wird an diesen Zahlen kaum zweifeln, kann man sich doch an fast jedem zumindest mit einem Weg erschlossenen Punkt des japanischen Hoheitsgebietes aufhalten und sich gleichzeitig zumindest in Sichtweite, wenn nicht sogar in greifbarer Nähe, eines oder gleich mehrerer Automaten befinden. Denn ein japanischer Automat kommt selten alleine: Zehn oder mehr von ihnen im Rudel anzutreffen, ist keine Ausnahme.

Dabei fing alles ganz harmlos im Jahr 1903 mit einem Briefmarkenautomaten an. In den sechziger Jahren kam dann der große Boom und inzwischen kann man den japanischen Automaten Dinge wie Tickets, Spielzeug, frische Eier, diverse Erotikartikel, (dazu gehören auch gebrauchte Slips von Schulmädchen !), heiße Cupnoodles, Kalorienriegel, Batterien, Eis, Regenschirme, Blumen und viele Dinge mehr entlocken. Rund die Hälfte aller Automaten müssen jedoch als Getränkeautomaten herhalten. Vorwiegend in Dosenform gibt es heissen Kaffee, Kakao oder Tee, Eiskaffe, Cola, Limonade, Fruchtsäfte, Fitnessdrinks, und eine Unzahl weiterer Getränke mit oft undefinierbarem Geschmack. Alkoholische Getränke wie Bier- oder Sake gibt es natürlich auch aus dem Automaten, doch zum Schutz Minderjähriger verweigern diese, und die Zigarettenautomaten, zwischen 11 Uhr abends und 5 Uhr morgens ihren Dienst. Seit Mitte letzten Jahres müssen sie sogar mit einem Führerscheinlesegerät ausgestattet sein. Vorsicht ist geboten beim Entnehmen der Dose aus dem Automaten: die Dosen sind oft so heiß bzw. kalt, dass man sie vor Schmerzen kaum in die Hand nehmen kann. Bemerkenswert ist auch die Tatsache, dass im Herbst bzw. im Frühjahr die Automaten von den Betreibern jeweils umgestellt werden: das Verhältnis von heißen zu kalten Getränken wird der Jahreszeit entsprechend angepasst.

   

Dessous- Automat auf einer Straße in der Kyôtoer Innenstadt.
Bild: © Andreas Fels

Wer in Japan von einem akuten Durstanfall ergriffen wird, sollte aus Panik nicht den nächstbesten Automaten ansteuern. Denn die Wahrscheinlichkeit, dass ein nicht weit entfernter Automat das gleiche Getränk billiger anbietet ist hoch. So liegt der Preis einer Dose zwischen 100 ¥ und 150 ¥, was immerhin eine Schwankungsbreite von einer Deutschen Mark bedeutet. Diese Tatsache ruft verschiedene Webseiten auf den Plan, die Standorte günstiger 100 ¥ Getränkeautomaten verraten. Es gibt sogar Automaten, die das gleiche Getränk in unterschiedlichen Dosengrößen zum selben Preis anbieten. Dies erscheint dem Betrachter auf den ersten Blick als sinnlos. Doch hat man die Gelegenheit, die Begegnung eines Japaners mit einem solchen Automaten zu beobachten, wird man eines Besseren belehrt: Der Japaner wählt unabhängig vom Preis die Dosengröße, die am besten zum Ausmaß seines Durstes passt. Und so greift er oft tatsächlich zur kleineren Dose!

Im Gegensatz zu seinen westlichen Kollegen ist der japanische Automat absolut zuverlässig. Ein Automat, der nicht wechseln kann, leer ist oder gar ganz seinen Dienst verweigert, den gibt es nicht. Diese Tatsache lässt sich durch die ausgereifte Technik und den fehlenden Vandalismus, nicht nur gegen Automaten, in Japan erklären. Aber ein Automat, der nur sehr zuverlässig funktioniert, reicht natürlich nicht. Die berühmt-berüchtigte japanische Erfindungswut treibt die Entwicklung und Perfektionierung der Automaten ständig gnadenlos weiter voran. Beispielsweise werden die Automaten zunehmend untereinander und mit der Firmenzentrale vernetzt. So kann der Betreiber den Betriebs- und Füllzustand seiner Automaten laufend kontrollieren und gleichzeitig dem Kunden Nachrichten und Werbung auf einem Display am Automaten zur Verfügung stellen.
   

Selbst Zerbrechliches wie Eier werden in Automaten angeboten.
Bild: © Robin Loch

Dem jährlichen Umsatz von 7 Billionen Yen (rund 140 Milliarden DM oder auch das Bruttosozialprodukt Neuseelands) und all den Annehmlichkeiten, die Japans Automaten mit sich bringen, muss man die enorme Umweltbelastung, die vor allem die Getränkeautomaten mit sich bringen, kritisch entgegenhalten. Denn jeder Getränkeautomat ist schließlich nichts anderes als eine Kombination aus Kühlschrank und Leuchtreklame. Leicht lässt sich errechnen, dass alle Automaten jährlich zusammen geschätzte 10 Milliarden kWh an Strom konsumieren. Das entspricht einer Stromrechnung von rund 3 Milliarden DM. Dazu kommt noch die Umweltbelastung durch die Befüllfahrzeuge und die Unmenge an Dosen, die oft ihren Weg nicht zurück ins Recycling finden. Doch der Automat ist ein fester Bestandteil der Servicekultur Japans geworden. Und so wird wohl der Tag, an dem der Japaner auch nur auf einen seiner Automaten verzichtet, mit jenem Tag zusammenfallen, an dem der Menschheit die Energie ausgeht.

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