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Der Konbini
Bequeme Konsumoase

Von Robin Loch

Es ist kurz vor acht Uhr abends. Draußen herrschen immer noch schwüle 26 Grad. Ich schleppe mich aus meinem Büro in die Ginza U-Bahn Station. Während der Fahrt mit der Marunouchi Linie nach Shinjuku falle ich ein paar Mal in einen kurzen Schlaf. Eingekeilt zwischen den Massen gelingt mir das auch im Stehen. In Shinjuku muss ich in die Keio Linie umsteigen. Gerade so schaffe ich es, mich aus dem Zug in den nächsten zu quetschen. Nur noch zwei Stationen und ich habe wieder einmal nach einem viel zu langen Arbeitstag die Tôkyôter Rushhour überlebt. Zu Hause angekommen ist es mittlerweile schon weit nach neun Uhr. Mein Magen knurrt hörbar. So sehr, dass ich mich nicht einmal mehr über einen Briefkasten voller Rechnungen aufregen kann. Als mir aus dem Kühlschrank eine tiefe Leere entgegen gähnt, und zu allem Überfluss dann auch noch die Batterien der Fernsteuerung meines Fernsehers schwächeln, breche ich vollends zusammen. Auf dem Tatami-Boden liegend starre ich entmutigt an die Decke über mir. Plötzlich höre ich rechts ein leises Krabbeln. Mit einem Ruck drehe ich meinen Kopf und schaue einer dicken, dunkelbraunen japanischen Kakerlake direkt auf die Fühler. Schreiend springe ich auf, greife geistesgegenwärtig nach meinen Rechnungen und renne aus der Wohnung.

Kennt man einen, kennt man alle: Konbini der Family-Mart-Kette
(Bild © 2000 Andreas Fels)

Schnell erhole ich mich von diesem Schreck, denn, Glück im Unglück, ich wohne ja in Japan. Die Rettung liegt nur 160 Meter von meinem Apartment entfernt: ein Bequemlichkeits-Laden. Japaner sagen dazu Konbini, vom englischen Begriff Convenience Store abgeleitet. Es gibt praktisch nichts, was ein Konbini nicht an Dienstleistungen und Waren zur Alltagsbewältigung bietet. Mit einem Sortiment von knapp 3000 Artikeln ist der Konbini nicht nur ein kleiner Supermarkt. Er ist gleichzeitig auch noch Copyshop, Bank, Post, Spedition, Multimedia-Shop, Schnellrestaurant, Ticketservice, Toilette, Fotoladen und Reisebüro. Ein Hightech-Multiservicestore im Tante-Emma-Laden Format. An jedem Tag des Jahres 24 Stunden geöffnet. Omnipräsent kann man in Japan sprichwörtlich an jeder Ecke einer dieser Service- und Konsumoasen finden. Mittlerweile gibt es gut 50.000 Konbinis auf der Insel, die vereint über 5 Millionen Quadratmeter an Verkaufsfläche bieten - das ist bei weitem mehr als die Ausdehnung aller Kaufhäuser Japans zusammen. Gerade mal 2.400 Japaner teilen sich einen Konbini und in den dicht besiedelten Gebieten leben die Menschen höchstens 700 Meter von einem der Nachbarschafts-Läden entfernt.

So auch ich. Nach nur 126 Sekunden Fußmarsch stehe ich vor einem von grellem Neonlicht erleuchteten Mini Stop. Ich hätte auch mit dem Auto kommen können. Denn egal wie sie auch heißen, Seven-Eleven, Sunkus, Lawson, Circle-K, Daily oder auch der Family Mart: Alle unterliegen dem selben Prinzip. Ihr Erscheinen unterscheidet sich in den meisten Fällen nur im Namenszug über der gläsernen Eingangsfront. Deshalb hat auch mein Mini Stop standardmäßig kostenlose Kundenparkplätze direkt vor der Tür. Bequem eben.

Mein Mini Shop misst wie jeder durchschnittliche Konbini gerade mal 100 Quadratmeter, verteilt auf einen rechteckigen Grundriss. Die Eingangstür befindet sich asymmetrisch auf der linken oder rechten Seite der überdachten Gebäudevorderseite. Schon von draußen eröffnet sich einem das gesamte Innenleben, die vollständig verglaste Front lässt den Laden transparent erscheinen. Außen, gleich neben der Eingangstür, und niemals im Shop selber, stehen drei Mülleimer. Hier wird nach Vorschrift brennbarer, nicht-brennbarer und Dosenmüll getrennt. Außen rechts befinden sich Getränke- und Zigaretten-Automaten. Für ganz Eilige.

Als ich durch die Türe trete macht ein elektronisches Ding-Dong-Ding-Dong den Rest des Ladens auf mich aufmerksam. Die hellen Fliesen, die weißen Wände und das kalte Licht der grellen Neonröhren geben jedem Konbini den sterilen Charme eines Krankenhauses. Bei allen Shops ist die Anordnung des Interiors fast immer identisch. Der Laden besteht nur aus einem Raum. Lediglich die Unisex-Toilette und ein kleiner Lagerraum sind vom Rest des Verkaufsraums abgetrennt. Am Kopf, in der nähe der Eingangstür, erstreckt sich der Servicecounter mit ein oder zwei Kassen. An der Wand gegenüber dem Eingang befinden sich die Kühlregale für o-bentos (frische Speisen), Desserts, Milchspeisen und frische Getränke. Das Angebot reicht über O-Nigiri und Spaghetti bis hin zum Käsekuchen. Die Kühlschränke für die schier unendlich vielen unterschiedlichen Sorten japanischer Softdrinks stehen an der Wand gegenüber der Kassentheke. Entlang der Glasfront reihen sich die Zeitschriftenständer und der Self-Service Kopierer auf. In der Mitte des Ladens gibt es alle anderen Produkte des täglichen Bedarfs: Shampoo, Süßigkeiten, Schnürsenkel werden in zwei Regalreihen, die symmetrisch in der Hälfte durch einen Quergang unterbrochen werden, angeboten.

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