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Abenddämmerung im Lande der aufgehenden Sonne
Was ist los im (angeblichen) asiatischen Musterländle?
Von Marc Verfürth
Es scheint unter den führenden Wirtschaftsmächten diesmal die Reihe an Japan zu sein, mit einer heraufdämmernden Krise, die also keineswegs schon ihren Höhepunkt erreicht hat, fertig zu werden: die Arbeitslosenquote, welche einstmals bei sagenhaften 2 Prozent vor sich hinschlummerte, übersteigt nun 5 Prozent und wächst weiter an; die Staatsverschuldung übertrifft erstmals das jährliche Bruttoinlandsprodukt (um satte 13 Prozent (1)), womit die Neuverschuldung mit beinahe 10 Prozent mehr als das dreifache jener 3 Prozent betragt, die als Maßstab in Europa fur die Teilnahme an der Währungsunion gelten. Bis jetzt sind auch Ansätze zur Reform des maroden Bankensystems kaum mehr als zarte Pflänzchen. Symbolhaft für das furchtbare Erwachen mag der sogenannte "Sony-Schock" sein: neulich mußte sogar dieser Star der japanischen Wirtschaft, auf welchen die Japaner mit mindestens ebensolchem Stolz blicken wie die Deutschen bisher auf Daimler-Benz (inzwischen "Daimler-Chrysler"), im halbjährlichen Bilanzbericht Verluste fur die zweite Jahreshälfte von 37,2 Milliarden Yen (ca. 53 Millionen DM) bekannt geben.
In dieser Situation zeigt sich nun besonders deutlich, was den unzähligen glühenden Japanverehrern bereits seit Jahrzehnten in ihrer blinden Verehrung entgangen ist: die japanische Gesellschaft insgesamt, mit all ihren Mechanismen in Politik und Wirtschaft, ist ausgesprochen träge und zähflüssig in ihren Entscheidungsfindungen, noch viel träger als das immer wieder, insbesondere von der inländischen Wirtschaft, als "satt" und "vollgefressen" verlachte Wohlstandsdeutschland.
In der Politik herrscht in Japan praktisch seit Kriegsende, mithin seit Einführung der Demokratie, Stillstand. Auch wenn die Ministerpräsidenten mit schönster Regelmäßigkeit etwa alle 1 1/2 Jahre ausgewechselt werden, bleibt grundsätzlich die gleiche Partei seit einem halben Jahrhundert an der Macht: die Liberaldemokratische Partei, LDP. Nur einmal, unter dem vorletzten Ministerpräsidenten, dem Sozialdemokraten Murayama, war sie nur der Juniorpartner in einer Koalition mit der Sozialistischen Partei. Findet eine Regierungsumbildung statt, dann wird der zukünftige Ministerpräsident unter den Führern der größten Cliquen (habatsu) innerhalb der LDP nach einem turnusmasigen Verfahren ausgekungelt. Überhaupt ist die LDP, wie die meisten übrigen politischen Gruppierungen Japans, eigentlich, zumindest nach europäischem Verständnis, keine richtige Partei, denn ihr gehören so gut wie keine einfachen Parteimitglieder an, die so etwas wie eine "Basispolitik" betreiben, sondern fast ausschließlich Funktionäre, Berufspolitiker, deren einziges Ziel es ist, ein politisches Amt zu übernehmen. Auf diese Weise entfällt zum einen die Möglichkeit einer unmittelbaren Kontrolle von Spitzenpolitikern durch die Parteibasis, darüberhinaus gibt es auch keinerlei Ideologie oder Utopie, welche die Parteien auch nur ansatzweise voneinander unterscheidbar macht; ohnehin stellen die meisten kleineren Parteien nur Absplitterungen der LDP dar. Eine Ausnahme von allem bisher gesagten bilden nur die Kommunisten, die aus genau diesem - und nur diesem Grunde - immer mehr Zuspruch bei Wahlen bekommen.
Auch in der japanischen Wirtschaft tut sich recht wenig. Während in Europa und Amerika im Zuge der Globalisierung immer mehr bereits große, internationale Unternehmen zu wahren supranationalen Einheiten verschmolzen werden, stehen in Japan viele Banken immer noch kurz vorm Bankrott, weil ihre Manager Angst vor einem Gesichtsverlust haben. Sie mußten nämlich ihre Bücher offenlegen und somit ihre Fehler der Öffentlichkeit präsentieren, um aus dem Hilfsfond der Regierung Gelder zur Schuldentilgung zu erhalten (inzwischen stellt die LDP jedoch Überlegungen an, wie Hilfsmaßnahmen auch ohne Gesichtsverlust gewährt werden konnten - selbstverständlich barer Unsinn, eine Regierung kann nun mal nicht quasi in Stellvertretung des Weihnachtsmanns einfach so nach der blauäugigen Frage "Warst Du denn auch lieb?" Geschenke verteilen). Gleichzeitig wird zwar das Wort "Internationalisierung" (kokusaika) landauf, landab wie eine Monstranz vor sich hergeschwungen, ausländisches Kapital ist aber nicht willkommen: der Aufkauf der Yamaichi-Bank, die bereits Mitte 1997 über die Klinge gesprungen war, bzw. dem, was von ihr übriggeblieben war, durch Merryl Lynch wurde als feindliche Übernahme gewertet; die Banken sollen vor allen Dingen deshalb möglichst schnell saniert werden, um ein weiteres Eindringen ausländischer Konzerne nach Japan zu verhindern, und nur in zweiter Linie, um weitere Einbrüche im Bankensystem zu vermeiden.
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