Von Andreas Fels
Wer war Shôtoku-taishi? Ein biographischer Abriß
Ob er nun von den einen als „Vater des japanischen Buddhismus und „mächtiger, politischer Führer" geehrt wird, von den anderen als „charismatische Person als Verkörperung von übermenschlichen Kräften", all dies deutet an, welch wichtige Rolle Shôtoku-taishi in der Geschichte Japans gespielt hat, und daß sein Wirken noch Einfluß hat auf die gesellschaftliche Form des heutigen Japans.
Shôtoku lebte von 572 (o.574) - 621 (o.622) und wurde als Sohn des Kaisers Yômei (?-587; regierte von 585-87) als Prinz Umayado geboren. Er sollte als Nachfolger der Kaiserin Suiko (regierte von 592-628 und war die Witwe des früheren Kaisers Bi-datsu) den Thron übernehmen und wurde zunächst im Jahr 593 ihr Regent. In dieser Position wuchs er zu einer wichtigen Persönlichkeit mit großer politischer Macht, deren Höhepunkt er im Alter von ungefähr 30 Jahren erlangte. Der Grund dafür, warum er so bedeutsam wurde, liegt wohl in eben dieser politischen Macht und einem gewissem diplomatischen Geschick Shôtoku´s verwurzelt. Shôtoku soll so laut Aufzeichnungen des Nihon Shoki (720 kompiliert und in chin. Sprache geschrieben) verantwortlich dafür gewesen sein, daß die politischen Beziehungen zu China, die für über 140 Jahre wegen innenpolitischer Unruhen in China geruht hatten und seit 562 gerade wieder langsam anliefen, wieder voll aufgenommen wurden. Infolge der Wiederaufnahme kam es zu einem starken Austausch - oder, da der Austausch zu großen Teilen nur einseitig in Richtung Japan verlief - zu einer Aufnahme von chinesischem Gedankengut und Fertigungskünsten. Viele Veränderungen wurden von Shôtoku initiiert, eine Tatsache die ihn als nicht ganz unbeteiligt an einer Benennung der Periode von 587-710 als sogenanntes „Jahrhundert der Reformen" erscheinen läßt, auch wenn er zu Lebzeiten die von ihm angestrebte „Große Wandlung" (taika-Reform) nicht erreichte. Die großen Veränderungen liefen in dieser Zeit über die rasante Verbreitung der chinesischen Hochkultur. Auf der Seite des Gedankengutes übernahmen die Japaner, in für Japan angepaßter Form, religiösen Glauben (Buddhismus und Taoismus), ethische Lehren (Konfuzianismus), chinesischen Literaturstil (Poesie und Geschichtsschreibung) und Teile des chinesischen Gesetz- und Beamtenwesens. Auf der Seite der handwerklichen Fertigkeiten waren chinesische, künstlerische Stile (Malen und Anfertigen von Skulpturen), Elemente der chinesischen Architektur und, wenn man es „handwerkliche" Fertigkeit nennen mag, die Übernahme der chinesischen Schriftzeichen. Der Buddhismus, mit dem die Japaner schon vorher über Korea in Kontakt gekommen waren, bekam ab 587 staatliche Rückendeckung durch das Wirken des mächtigen, pro-buddhistisch eingestellten SOGA-Klan, und die Popularisation des Buddhismus bekam den alles entscheidenden Stoß, als der Prinzregent im Jahr 594 den Buddhismus faktisch zur Staatsreligion erhob, ein „folgenschweres Ereignis, daß bis in die jüngste Gegenwart nachwirkt". Während Tausende von Priestern und Mönchen aus China nach Japan kamen und neben ihrem Glauben auch die heimische Kultur mit nach Japan brachten, schickte Shôtoku-taishi von seiner Seite Gesandtschaften zum Studium des chinesischen religiösen Glaubens und des Staats- und Kulturwesens nach China. Desweiteren war Shôtoku auch selber den Konfuzianismus und Buddhismus lehrend tätig. Zudem werden ihm eine Reihe von Schriften nachgesagt, wie zum Beispiel den Erlaß eines Grundgesetzes (kempô jûshichijo) mit 17 Artikeln sowie Kommentare zu drei buddhistischen Sutren ( sangyo no gis(h)o), die er während seiner Regentschaft verfaßt haben soll (Hier sollte angemerkt werden, daß zwischen den Wissenschaftlern Uneinigkeit über Shôtoku´s tatsächliche Autorschaft zu allen ihm zugeschriebenen Niederschriften besteht. Auch wenn man bzgl. des Kommentars zum Lotus-Sutra (hokke-kyô) sagt, daß er in „Shôtoku´s eigener Handschrift gehalten" sei (Vgl. Cambridge History), so gehen einige der Historiker bei den „17 Artikeln" eher davon aus, daß diese von den nihon shogi Kompilierern, posthum und Shôtoku zu Ehren, verfaßt wurden). Als die von ihm eingeleiteten Studien in China in vollem Gange waren, starb er im Alter von etwa 50 Jahren. Was er zurückließ sind die von ihm in Gang gesetzten politischen und gesellschaftlichen Veränderungen, eine beinahe durchweg glorifizierende Darstellung seiner Persönlichkeit durch die japanische Geschichtsschreibung und Literatur hindurch und einige Tempel, die er errichtet haben soll. Neben einigen privaten Schreinen und Kapellen, wären die Errichtung des Shitennô-ji im Jahr 593 in Naniwa (an der Stelle des heutigen Ôsaka), des Hôkô-ji im Jahr 596 und des Hôryû-ji 607 bei Nara zu nennen.
Shôtoku in seiner Zeit
Die Zeit, in die Shôtoku-taishi als Prinz Umayado hineingeboren wurde, war eine Zeit, in der einige der heutigen Provinzen, beherrscht von autonomen Klans, in einer Art losen Konföderation zusammengefügt waren. Dieser Zusammenschluß bestand seit Anfang des 3. Jahrhunderts. Politische und religiöse Macht über alle anderen Klans konnte gegen Ende des gleichen Jahrhunderts der später so benannte „Tennô" Klan, die das Yamato-Gebiet beherrschende Familie, gewinnen und mit Ôjin (270-310) inthronisierte der erste konförderationsübergreifende Herrscher. Neben der Autorität wuchs das Prestige dieses Klans, welcher schon zu dieser Zeit versuchte, die über das Land verteilten verschiedenen religiösen Riten und Praktiken und die Glaubensvorstellungen der Menschen zu einer einzigen Religion zusammenzufügen, der heute als Shintô bekannten Religion. Während des 4. Jahrhunderts hatte es eine Reihe erfolgreiche, militärische Expeditionen nach Korea gegeben, aus denen sich zunächst lose, aber zunehmend enger werdende, diplomatische Beziehungen zu den südkoreanischen Königreichen entwickelten. Bei diesem Anlaß gab es auch erste engere Kontakte mit der Kultur und den weiterentwickelten Schmiede- und Agrikultivationstechniken Koreas und Chinas, eine Kultur, die man gerne übernahm und die bereits kurz darauf Japan bedeutend verändern sollte. Die weiterentwickelten Techniken brachten nämlich neben einer verbesserten Methode des Reispflanzens auch die Eisenwerkzeugschmiede mit ihren neuen Möglichkeiten für die Herstellung von Waffen mit. Die Techniken waren allesamt ein Garant für ein Anwachsen der politischen- und ökonomischen Macht des herrschenden Klans, der es nun fertigbrachte, durch das plötzliche Anwachsen der agrikulturellen Produktion und der Benutzung von neuen Techniken die politische Kontrolle auszudehnen und zu erhalten.
Besonders eng wurde der Kontakt zu dem Königreich Paekche (in einigen Quellen auch als „Paikche" bezeichnet. Der Einheitlichkeit wegen hier nur „Paekche"). Der König Paekches hatte Japan etwa im Jahr 400 aus Dankbarkeit für die Hilfe während eines Krieges mit dem Königreich Koguryö, an welchem sich Japan als Präventivschlag aus Angst vor dem als aggressiv empfundenen Königreich Koguryö beteiligte, Bücher und Schriften überreicht. Dieses Geschenk und die Einwanderer von der koreanischen Halbinsel bewirkten eine allmähliche Verschriftlichung der bis dahin schriftlosen, japanischen Sprache und damit der Beginn der Niederschrift der japanischen Geschichte. Gleichzeitig bekam Japan seinen heutigen Namen: um seine Eigenständigkeit gegenüber der Sui-Dynastie zu untermauern und mehr Prestige in den Augen der Chinesen zu gewinnen, benannten sie ihr Land, welches vorher nur Yamato geheißen hatte, mit Hilfe der chinesischen Schriftzeichen für „Sonne" und „Ursprung", nihon (Den europäische Begriff „Japan" begründet laut VARLEY die chinesische Lesung der Zeichen Jihpen, welche Marco Polo von seinen Reisen mit nach Europa brachte).
Von eben diesem Königreich Paekche (jap. Kudara) kam im Jahr 552 ein weiteres, wichtiges Geschenk, welches Japan von nun dauerhaft verändern sollte: ein Buddha-Bildnis und einige buddh. Schriften. Der amtierende tennô Kimmei (540-571) konnte mit den fremden Kulturgütern nichts anfangen und gab das Bildnis an den mächtigen SOGA-Klan weiter, eine der beiden Sippen, die neben dem MONOBE-Klan um ihren Einfluß am Hofe des Tennô in Konkurrenz standen. Das Geschlecht Mononobe wird als Traditionsverfechter beschrieben, während die Soga-Familie als progressiv galt und durchaus den gerade aufkeimenden ausländischen Kultureinflüssen zugetan war. Der Streit um den Kulturimport kehrte die Rivalität zwischen den beiden Klans in Feindschaft und endete schließlich in der Auslöschung des MONONOBE-Klans.
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