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Ikki Organisationen

Von Andreas Fels

Die Bezeichnung ikki wurde aus der chinesischen Literatur tradiert und bedeutete „mit einem Ziel", „in Übereinstimmung" und „auf ein Maß abstimmen". Im Japan des 14. Jahrhunderts wurde diese Begrifflichkeit allerdings eingeschränkt. Zunächst bezeichnete das Wort ikki eine Organisation, zusammengeschlossen aus Bauern und Kriegern, wurde dann aber semantisch ausgedehnt, um die Aktivitäten eines eingeschworenen Kollektivs, welches sich regional zusammengeschlossen Städtischer Aufstandhatte, zu bezeichnen. Dies konnten, wie zuvor angedeutet, Bauern sein, die für das gleiche Ziel eintraten, sei es defensiv oder offensiv. Dies konnten allerdings auch Zusammenschlüsse von Kriegern sein, die sich so zum Beispiel gegen territoriale Übergriffe starker, benachbarter daimyô zu wehren versuchten. Die Organisationsform ikki versuchte, ihre in der Hauptsache wirtschaftlichen Ziele, wie Abgaben- und Frondiensterleichterungen, zu erreichen. Später wurde ikki nur noch gleichbedeutend mit „Aufstand" benutzt. Daraus läßt sich schlußfolgern, daß der Begriff ikki nicht nur ein Ereignis bezeichnet, sondern vor allen Dingen eine Organisation, die für speziell militärische Zwecke gegründet wurde.

Umstände der ikki-Gründungen und Grundsätzliches

Nach der stabilen Regierung Yoshimitsus hatte das Ashikaga-bakufu arge Probleme, das Land zu kontrollieren. Dieses wird vor allen Dingen durch die aufgetretene Häufigkeit von Bauernaufständen illustriert. So waren diese und andere gewaltvolle Auflehnungen Ausdrucksmöglichkeiten der Unzufriedenheit in dem Zeitraum vom frühen 14. Jahrhundert bis ins späte 19. Jahrhundert, wenn auch mit mehr oder weniger großen Unterbrechungen, sehr häufig. Sie sind somit auch wichtige Fakten in der politischen und wirtschaftlichen Geschichte Japans, richtete sich hier doch zum ersten Mal der Protest des Volkes direkt gegen die oberste Schicht der herrschenden Elite.

Auch in der Geschichte Japans waren Bauern stets Opfer der Ausbeutungen der herrschenden Autoritäten. Um den oft mutwillig gefaßten Beschlüssen derselben nicht hilflos ausgeliefert zu sein, schlossen sie sich in Organisationen, wie zum Beispiel den oder religiösen (Interessen-) Gemeinschaften wie den (mit den vernetzte und nach dessen Vorbild zusammengeschlossene Gruppierungen, die der jôdo shinshû [jôdo-Schule] folgten) zusammen. Die Bauern erkannten, daß ihre mengenbedingte Stärke durchaus ein Machtmittel war und setzten sie fortan gegen die shugo, die vom bakufu eingesetzten Lokalverwalter, sengoku daimyô oder andere politische oder wirtschaftliche Gegner bewußt in Aufständen ein. Zunächst waren ihre ikki allerdings noch recht unorganisiert und dadurch bedingt wenig effizient. Erst als die nach Macht strebenden mittleren Landbesitzer aus der Klasse der kokujin ( ursprünglich vom bakufu eingesetzte Verwalter für ein einzelnes oder mehrere Dörfer ), jizamurai und bushi ( Mitglieder der Kriegerklasse ) die Bemühungen der Bauernvereinigungen unterstützten, gelangen den ikki gewisse politische und wirtschaftliche Erfolge. Die kokujin und bushi gingen nämlich mit den Bauern insofern konform, als daß sie sich vom bakufu oder shugo benachteiligt, ausgebeutet oder um einen gesellschaftlichen Platz betrogen fühlten . Alle verschiedenen Typen der ikki von kuni-ikki bis ikkô-ikki waren sicherlich nur aufgrund der Planung und Organisation und dem militärischen Training durch die Mitglieder der zuvor genannten, höheren Klassen so erfolgreich.

Auch wenn einige Quellen, indem sie von ikki sprechen, diese auch gerne als „Bauernaufstände" bezeichnen (sei es aus Ermangelung oder Unmöglichkeit einer entsprechenden sprachlichen Übersetzung dessen, was hinter dem japanischen Begriff ikki steckt), darf, was die Zusammensetzung der ikki betrifft, bezweifelt werden, ob die ersten emanzipierten Bauern, die ihr eigenes Stück Land bewirtschaften konnten, überhaupt an der Planung und Richtung der Aufstände beteiligt waren. Diese gingen nämlich wohl eher von den Anführern aus, den bereits zuvor erwähnten mittleren Landbesitzer der kokujin- oder der jizamurai-Klasse. Gleich wer sich auch an den ikki beteiligt hat, die Menschen bildeten ikki meist aus dem Grund, daß es keine andere Möglichkeit gab, ihre Probleme zu lösen. In der Gemeinschaft mit Gleichgesinnten hatten sie mehr Aussichten ihre Ziele durchzusetzen als im Alleingang. Als wichtige Konsequenz aus der Unterdrückung der Bauern mit ihren nachfolgenden Auflehnungen gegen eben diese Repression , hier insbesondere in der Form der doikki, bleibt noch aufzuführen, daß endlich im 15. Jahrhundert durch die großen Volksaufstände die Relikte des Landgüter- und Sklavensystems beseitigt werden konnten.

Die Typen der ikki
kuni-ikki

Aufstände, die sich auf eine ganze Provinz ausdehnen, nennt man aufgrund dieser räumlichen Ausdehnung kuni-ikki . Ein wichtiges Charakteristikum der kuni-ikki ist meist auch das Streben der Aufständischen nach Autonomie. Unter dieser ikki-Form ist der wichtigste kuni-ikki zweifelsohne der Aufstand der Provinz Yamashiro im Jahr 1485. Die Yamashiro-Provinz, in geringer Entfernung westlich von Kyôto gelegen, war die wohl am weitesten entwickelte Provinz des Landes. Ihre Bürger galten als kultiviert und intellektuell.
Der Aufstand dieser Provinz ist nicht nur wegen seiner Dauer und seines direkten Widerstandes gegen das bakufu bemerkenswert, sondern auch wegen seiner Leistung, eine alternative Selbstverwaltung zu entwickeln. Die Hintergründe für diesen kuni-ikki waren wie folgt: Nach dem Ônin-Krieg ( 1467-1477 ), der durch Streitigkeiten nach Abdankung ASHIKAGA Yoshimasa als Shogun innerhalb des HATAKEYAMA-Clans, genauer gesagt zwischen Masanaga und Yoshinari und durch Nachfolgekämpfe zwischen Yoshimi, dem Bruder Yoshimasas, und dessen Sohn Yoshihisa begründet oder zumindest eingeleitet wurde, wirkten sich Kampfhandlungen zwischen Partisanen der beiden Kriegsparteien auch auf den südlichen Teil der Yamashiro-Provinz aus. Die bushi [Mitglieder der Krieger-Klasse] beider Kriegsparteien fielen kämpfend in die Provinz ein, ohne Rücksicht auf Leben und Besitz der Ortsansässigen. Die Streitenden vernichteten Gebäude durch Feuer und vertrieben mancherorts sogar die Bauern, die von nun an den Kriegsbetreibenden als Träger zu dienen hatten. Sollten die Bauern hierzu nicht bereit sein, wurde ihnen die Möglichkeit eingeräumt, sich durch Zahlung einer großen Summe von der auferlegten Verpflichtung freizukaufen. Dies sollte obenhin noch die Kriegskassen der Kämpfenden aufstocken. Auf Dauer ließen sich dies jedoch die Bewohner Yamashiros nicht gefallen. Unter dem Kommando von fähigen, ortsansässigen Kriegern formierten die Bauern ihre eigene Kampftruppe, die den Kampf gegen die Partisanen beider Kriegsparteien aufnahm. Diese Kampftruppe beraubte die beiden HATAKEYAMA-Parteien zunächst ihrer Vorräte und konnte ihnen dann auch im Kampf große Schäden zufügen. Schließlich kamen die Bauern und ihre Führer, die kokujin, gegen Ende des Jahres 1485 in einem Konzil zusammen und beschlossen ihre Forderungen:

  • 1.) sollten beide Hatakeyama-Armeen die Yamashiro-Provinz verlassen
  • 2.) alle Besitztümer, derer sich die bushi illegal bemächtigt hatten, sollten an die ursprünglichen Besitzer zurückgegeben werden
  • 3.) alle von den Kriegsparteien errichteten Barrieren und Zollschranken sollten entfernt werden.

    Der Macht des Yamashiro-Konzils ergeben, zogen sich beide Hatakeyama-Armeen innerhalb einer Woche nach Verkündigung dieser Forderungen aus der Provinz zurück. Der Anführer der Masanaga-Partisanen begang Selbstmord und ein Großteil der Kommandeure fand Zuflucht in anderen Provinzen. Die 36 Führer des Yamashiro-ikki trafen sich am Anfang des Jahres 1486 erneut. Dieses Mal mit der Absicht, eine provisorische Regierung zu wählen. Der Rat der 36 kokujin wurde zu einer Art Entscheidungsbehörde und zudem wurde ein tsukigyôji beschlossen, ein monatlich wechselndes Exekutivorgan zur Selbstverwaltung. Diese als provisorisch gedachte Verwaltung hielt 8 Jahre lang, bis es zur Uneinigkeit zwischen den einzelnen kokujin kam, was die Einhaltung der vom Konzil beschlossenen Gesetze und Regulationen betraf.

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