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Entstehung von Druck und Verlagswesen in Japan
Vom Tempeldruck zum Massenkult

Von Sibylle Altmann

Die ersten überlieferten Druckerzeugnisse in der Geschichte Japans entstanden im achten Jahrhundert. Dies waren buddhistische Traktate, die mit Holzblöcken oder Metallplatten auf große Papierbögen gedruckt wurden, und von denen die wichtigsten Tempel oft an die 100.000 Exemplare besaßen. Bis auf einige Ausnahmen privater Druckprojekte (von buddhistischen Tempeln in Nara und Kyôto im elften und 13. Jahrhundert) fanden seitdem mehrere Jahrhunderte lang fast keine Aktivitäten im Druckbereich statt.
Erst Ende des 16. Jahrhunderst bildeten neue Impulse aus dem Ausland, die auf eine veränderte gesellschaftliche Situation im Inland trafen, den Anfangspunkt für eine rasante Entwicklung des Buchdrucks außerhalb der Tempel und die Ausbildung eines literarischen Marktes, an dem alle Bevölkerungsschichten teilhatten.

Der Druck-Boom in der Edo-Zeit: Die gesellschaftliche Ausgangssituation

Im Japan der Edo-Zeit hat sich eine boomartige Entwicklung im Bereich der Druckmedien vollzogen.  Diese Entwicklung hat auf der Grundlage bestimmter politischer und sozialer Umstrukturierungen stattfinden können, die im folgenden kurz erläutert werden sollen.

Japan war seit der Schlacht bei Sekigahara im Jahre 1600 und der Machtübernahme TOKUGAWA Ieyasus (1542-1616) im Jahre 1603 ein geeintes Reich, in dem relativer Frieden und eine straffe politische Ordnung herrschte.
Der neue Shôgun Ieyasu engagierte sich, dem durch Jahrhunderte von Krieg kämpferisch gestimmten Volk neue Aufgaben im kulturellen Bereich zukommen zu lassen.  Die Samurai (Schwertadlige) zum Beispiel wurden per Gesetz dazu aufgefordert, in den literarischen Künsten (bun) ebenso kundig zu sein wie in den militärischen Künsten (bu). Ieyasu zeigte sich auch persönlich an Kontakten zu buddhistischen Priestern und konfuzianischen Gelehrten interessiert; vor allem, um sich deren Lehren für die Sicherung der Staatsordnung zunutze zu machen.

Im Volk herrschten seit dieser Zeit neue Gegebenheiten: Die Samurai waren im relativ gesicherten Frieden praktisch ‘arbeitslos’ und hatten viel Zeit, anderen Beschäftigungen nachzugehen. Gleichzeitig verschlechterte sich deren finanzielle Situation, da die festen, in Reis bezahlten Einkommen in Zeiten des wirtschaftlichen Wachstums an Wert verloren. Die Samurai näherten sich in ihrem Lebenstil den chônin (Bürgern) an.
Die chônin, zu denen Handwerker und Händler gezählt wurden, waren als unterste Klassen des Vier-Klassen-Systems der Edo-Zeit politisch völlig machtlos, wurden aber auch wenig reglementiert. Es bestand also viel Freiraum für wirtschaftliche Aktivitäten. In den Städten begann ein schnelles wirtschaftliches Wachstum, aufgrund dessen die chônin immer wohlhabender wurden und damit steigende Bedürfnisse in allen Lebensbereichen innerhalb des Stadtlebens äußerten. Die gesteigerte Nachfrage nach Waren und Dienstleistungen weitete sich auch auf den kulturellen Bereich aus, und es entwickelte sich eine lebendige Stadtkultur mit Theatern, Freudenvierteln und auch Verlagen und Buchhandlungen.
Ein entscheidendes Merkmal der Edo-Gesellschaft war die rasche Verbreitung der Fähigkeit, zu lesen, zu schreiben und zu rechnen. Für die städtischen Bürger wurden solche Grundkenntnisse unerläßlich, um sich bei größer werdender Konkurrenz im Geschäftsleben behaupten zu können.  Es lag im Interesse der chônin, auch ihren Kindern, die das Geschäft einmal übernehmen sollten, eine entsprechende Bildung zukommen zu lassen. Bisher hatten fast nur Kinder aus Hof- und Schwertadel spezielle Schulen besuchen können, unter dem Tokugawa-Shôgunat etablierten sich nun aber die terakoya, Grundschulen für das einfache Volk. Diese Schulen, ursprünglich in der Muromachi-Zeit (1392-1573) an buddhistischen Tempeln (tera) entstanden, wurden in der Edo-Zeit meistens privat geführt. Die Lehrer waren Bürgerliche, aber auch Samurai, rônin (herrenlose Samurai), buddhistische Mönche oder Shintô-Priester.
Was ursprünglich nur als ‘Handwerkszeug’ für praktische Anwendung dienen sollte, führte in der städtischen Bürgerschicht zu einem immer größer werdenden Streben nach mehr und höherem Wissen.

Einführung und Etablierung des Druckgewerbes
Der Typendruck als Initialzündung

Der Impuls, der im fruchtbaren Umfeld der Tokugawa-Gesellschaft den literarischen ‘Boom’ bewirkte, ist die Einführung des Typendrucks (Druck mit beweglichen Buchstaben) nach Japan. Die neue Technik kam auf zwei Wegen in das Land: durch portugiesische Jesuiten und über den Feldzug TOYOTOMI Hideyoshis (1536-1598) nach Korea.
Die Jesuiten waren schon seit Mitte des 16. Jahrhunderts missionarisch in Japan tätig gewesen. Da der Bedarf an Büchern immer größer wurde, einerseits um die Lehre zu verbreiten, andererseits, um Japanisch zu lernen, brachte man im Jahre 1590 aus Portugal eine Druckpresse, die mit dem Typendruck-Verfahren arbeitete. Aus einer etwa 20 Jahre dauernden Druckaktivität gingen die kirishitanban (Christen-Drucke) hervor, nicht ausschließlich christliche Schriften, sondern beispielsweise auch Fabeln von Äsop oder das Heike monogatari (Anfang 13.Jh.). Man druckte auf Latein, Portugiesisch, Romaji-Japanisch (latinisierte Umschrift des Japanischen) oder Japanisch. Die kirishitanban wurden von der japanischen Bevölkerung angenommen, deren Einfluß auf den japanischen Buckdruck war jedoch nicht sehr groß.
Weitreichende Folgen für die Druckaktivitäten in Japan hatte der Korea-Feldzug TOYOTOMI Hideyoshis im Jahre 1592. Militärisch endete der Feldzug als Katastrophe, aber die Soldaten brachten eine Errungenschaft mit nach Japan: Druckpressen mit kompletten Sätzen beweglicher Buchstaben.
In der darauf folgenden Zeit wurden von offizieller Seite verschiedenste Druckvorhaben in Auftrag gegeben. Der Kaiser Go-Yôzei (1586-1611) ließ edle Drucke chinesischer Klassiker, die sogenannten chokuhan, herstellen, der Shôgun war Sponsor oder Auftraggeber für Drucke (kampan) chinesischer Klassiker und Werken zu Geschichte, Kriegsführung oder Staatsphilosophie. Diese offiziellen Druckaufträge waren jedoch nicht für das Volk gedacht, sondern hauptsächlich als teure ‘Schmuckstücke’, die in Regierungskreisen kursierten.
Die buddhistischen Tempel übernahmen die neue Technik und, da die Mönche über eine entsprechende Bildung sowie genügend Zeit und finanzielle Mittel (oder zumindest die Methoden des Fundraising) verfügten, dominierten die ersten Jahrzehnte im Bereich des Buchdrucks. Im Laufe der Zeit wurden immer mehr private Druckaufträge in Kooperation mit Tempeln ausgeführt, welche auch für Nichtreligiöse Anreiz als Produktionsstätten boten. Diese Druckaufräge waren zunächst „keine verlegerisch-kommerziellen Unternehmungen, sondern vielmehr Liebhabereien von hochgebildeten und vermögenden Leuten." Allerdings stellten sich Produktionen, die aus reinem Interesse begonnen worden waren, oft als so profitabel heraus, daß sie aus kommerziellen Motiven weitergeführt wurden.   Zu diesem Thema äußert Henry D. Smith II zusammenfassend: „Printing [...] was dominated at the start by religious production, and the subsequent story of the book [...] is one of gradual secularization."
In den Jahren 1608 bis 1615 wurden im Typendruckverfahren die ersten Drucke weltlicher japanischer Klassiker gefertigt.  HONAMI Kôetsu (1558-1637), ein berühmter Kalligraph und Maler seiner Zeit, und dessen Partner SUMINOKURA Soan (1571-1632) waren die treibenden Kräfte beim Druck dieser sogenannten sagabon (Saga war das Dorf bei Kyôto, in dem Soan lebte). Mit den sagabon wurden außerdem zum ersten mal Bücher gedruckt, die Illustrationen im japanischen Stil enthielten. Unter ihnen waren zum Beispiel das Ise monogatari (1. Hälfte des 10.Jh.) oder das Tsurezuregusa (1330/31)).

Kommerzialisierung

Ab Mitte der 20er Jahre des 17. Jahrhunderts stieg die Zahl der privaten Druckunternehmungen mit Verlegertätigkeiten stetig an. Standardversionen der Klassiker, die in verschiedenen Manuskripten überliefert waren, bildeten sich heraus , und zum ersten Mal wurden Schriften extra im Hinblick auf eine Publikation geschrieben. Titel- und Auflagenzahlen stiegen um ein Vielfaches an. Die neuen Dimensionen im Bereich des Buchdrucks warfen für die Aktiven einige Probleme auf.
Sowohl für höhere Auflagen bzw. Neuauflagen als auch für die japanische Schrift, eine Mischform aus Silbenschrift (kana) und chinesischen Zeichen (kanji), die immer mehr die rein chinesische Schrift im Druck ersetzte, stellte sich das komplizierte und teure Typendruckverfahren als denkbar ungeeignet heraus. Wenn bei steigendem Bedarf nach bestimmten Büchern Nachdrucke erforderlich waren, mußten für viel Geld neue Buchstaben hergestellt werden, und die Drucktypen wieder aufwendig zusammengesetzt werden. Außerdem war die japanische kana-Schrift fast immer kursiv und mit vielen Ligaturen geschrieben, also mit einzelnen Druck-Buchstaben nur schwer umzusetzen.

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